Wenn Ohnmacht zum Alltag wird

von Peter Scheller

Viele Menschen beschreiben heute ein Gefühl, das früher eher Ausnahme war und inzwischen für viele zum Dauerzustand geworden ist: Hilflosigkeit. Nicht unbedingt, weil man nichts versteht, sondern weil man das Gefühl hat, dass das Verstehen nichts mehr ändert. Daraus entsteht der Satz, der in politischen Diskussionen immer wieder fällt:

„Die machen doch, was sie wollen.“

Gemeint sind Politik, Medien, Behörden, große Konzerne oder internationale Institutionen. Hinter diesem Satz steckt weniger Gleichgültigkeit als ein bitteres Resümee. Entscheidungen werden hinter verschlossenen Türen getroffen, die Folgen für uns alle haben. Einflussmöglichkeiten des Einzelnen gibt es nicht.

Diese Ohnmacht ist politisch hochbrisant, denn die Demokratie lebt davon, dass Bürgerinnen und Bürger sich politisch beteiligen können und ihre Meinung auch eine Bedeutung hat. Wenn dieser Glauben verschwindet, bleibt nur Frust, Zynismus oder Rückzug.

Angst als politischer und medialer Dauerzustand

Zur Ohnmacht kommt Angst. Angst hat viele Gesichter: Angst vor Krieg, vor wirtschaftlichem Abstieg, vor gesellschaftlicher Spaltung, vor Kontrollverlust und eine tiefe Zukunftsunsicherheit. Und Angst wirkt wie ein innerer Verstärker. Wer Angst hat, sucht entweder nach schnellen Gewissheiten oder versucht, das Thema ganz auszublenden. Beides ist verständlich, aber politisch gefährlich. Denn Angst macht Menschen manipulierbar und erschöpft sie zugleich.

Angst wird zudem durch eine ständige Krisenkommunikation befördert. Es gibt kaum noch die Benennung eines Problems und Vorschläge für deren Lösung, sondern nur eine staccatoartige Aneinanderreihung immer neuer „Horrorszenarien“. Die nächste Warnung steht schon bereit, bevor die vorige verarbeitet ist. So entsteht ein Gefühl permanenter Alarmbereitschaft. Dieser Alarmzustand setzt Menschen unter permanenten Stress.

Informationsüberflutung erzeugt Wissen ohne Orientierung

Viele Menschen sind nicht schlecht informiert, sondern sie sind überinformiert. Konzeptionell zeichnet sich diese Informationsflut nicht nur durch Menge, sondern auch durch Tempo und Widerspruch aus. Täglich neue Zahlen, neue „Eilmeldungen“ und neue Empörungen. Wer das alles ernst nimmt, ermüdet schnell. Wer sich entzieht, gilt schnell als „uninteressiert“. Beides führt in eine inhaltliche Sackgasse.

Das Problem ist nicht, dass es zu wenig Informationen gibt, sondern dass es zu wenig Orientierung gibt.

  • Was ist wirklich relevant?
  • Was ist verlässlich?
  • Was ist Meinung und was ist Tatsache?

Wenn diese Unterscheidung nicht mehr gelingt, entsteht eine Art mentaler Dauerstress. Man fühlt sich „übervoll“ und gleichzeitig leer.

Rückzug in den Privatbereich ist verständlich, aber folgenschwer

Wenn Ohnmacht, Angst und Informationsüberflutung zusammenkommen, ist der Rückzug ins Private eine logische Reaktion. Man konzentriert sich auf Familie, Arbeit, Gesundheit, den eigenen Garten oder das direkte Umfeld. Das ist nicht falsch. Es ist sogar überlebensnotwendig, wenn die äußere Welt als unkontrollierbar angesehen wird.

Aber politisch hat dieser Rückzug eine Nebenwirkung. Öffentliche Räume werden denen überlassen, die laut sind, die Macht haben oder die sich beruflich darin eingerichtet haben. Demokratie wird dann zum Zuschauersport.

Bürgerbewegungen sind kraftlos geworden

Viele, die sich früher engagiert haben, spüren heute, dass Bürgerbewegungen kraftlos wirken. Das bedeutet nicht, dass Menschen uninteressierter geworden wären, sondern dass ihr Umfeld härter geworden ist. Engagement trifft auf Bürokratie, mediale Verzerrung, interne Konflikte, Zeitmangel und finanzielle Belastungen. Wer sich einsetzt, wird schnell überfordert – sowohl organisatorisch als auch emotional und sozial.

Hinzu kommt, dass viele Bewegungen gelernt haben, dass Empörung Reichweite bringt, nicht aber automatisch Wirkung. Man kann Monate mobilisieren und am Ende fühlt es sich trotzdem an, als sei „nichts passiert“. So entstehen Enttäuschung, Zynismus und dann Stillstand.

Wenn die Seele politisch nicht mehr kann

Am Ende dieser Kette steht oft Erschöpfung, nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Viele engagierte Menschen sind ausgebrannt, weil sie über Jahre versucht haben, gegen große Apparate anzukämpfen. Das taten sie mit zu wenig Unterstützung, zu wenig Anerkennung und zu wenig Schutzräumen. Wer ständig im Widerstand lebt, verengt sein Leben. Und irgendwann sagen Körper und Seele „Schluss“.

Ausweg aus der Ohnmacht

Der Ausweg beginnt mit ehrlicher Kommunikation

Wenn sich Menschen abwenden, liegt das oft nicht daran, dass sie „politikunfähig“ wären. Es liegt daran, dass sie sich nicht ernst genommen fühlen. Ehrliche Kommunikation heißt deshalb nicht zu beschönigen, nicht zu dramatisieren oder nicht zu moralisieren. Sondern man kann Folgendes tun:

  • Klar sagen, was man weiß und vor allem, was man nicht weiß.
  • Fehler sollte man eingestehen, statt sie zu kaschieren.
  • Zielkonflikte sollte man offen benennen.
  • Menschen sollten nicht belehren, sondern zur Prüfung, zur Diskussion und zur Beteiligung einladen.

Ehrliche Kommunikation ist politisch wirksam, weil sie Vertrauen zurückholt. Vertrauen entsteht nicht durch Perfektion, sondern durch Wahrhaftigkeit.

Hilft Spiritualität?

Spiritualität wird oft als Flucht aus der Realität missverstanden. Doch im besten Sinne ist Spiritualität das Gegenteil. In der Praxis kann sie Menschen innerlich stabilisieren, damit sie äußerlich handlungsfähig bleiben. Wer ein inneres Zentrum hat, ist weniger abhängig von täglicher Empörung und von Panikzyklen.

Spiritualität kann helfen, weil sie drei Dinge ermöglicht:

  • Sinn statt Dauerstress: Nicht jede Schlagzeile ist Lebensmaßstab.
  • Innere Ruhe als Widerstandskraft: Wer ruhig bleibt, kann klarer denken und besser handeln.
  • Verbundenheit statt Isolation: Viele spirituelle Wege betonen Mitgefühl, Gemeinschaft und Verantwortung.

Was heißt all das?

Demokratie beginnt nicht in Fernsehstudios, sondern dort, wo Menschen sich wieder zutrauen, gemeinsam etwas zu bewegen. Wenn sie wieder lernen, dass Beteiligung sinnvoll ist, verliert der Satz „Die machen doch, was sie wollen“ seine Bedeutung.

… und was möchte dieBasis

An diesem Punkt knüpft die Basisdemokratische Partei Deutschlands an. Wir wollen Menschen wieder in die Lage versetzen, politische Entscheidungen nachvollziehbar mitzugestalten: transparent, dezentral und von unten nach oben. Denn wo echte Beteiligung möglich wird, schwindet Ohnmacht, und Demokratie wird wieder zu dem, was sie sein soll, nämlich gelebter Selbstverantwortung.

 

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