Nem tudom – Wer ist wessen trojanisches Pferd in Ungarn?

Gastbeitrag von Sven Lingreen

Ein Wahlsieg und seine Deutungen

Nach dem Wahlsieg der Herausforderer der Tisza-Partei von Péter Magyar bei der Parlamentswahl in Ungarn am 12.04.2026 passierten erwartete und unerwartete Reaktionen, die uns die Situation dort nicht aus den Augen verlieren lassen sollten.

Mediale Narrative vor und nach der Wahl

Nachdem Wochen vor der Wahl sich in deutschen Massenmedien der Ruf nach Orbáns Abwahl mehrte und er dafür als putingetreuer Autokrat und Diktator dargestellt wurde, zeigten erste Reaktionen nach der Wahlniederlage der Fidesz-Partei die Abkehr von den Ruinen des journalistischen Handwerks verschiedener Blätter.

Rhetorische Entgleisungen und ihre Wirkung

Besonders beachtenswert ist der Artikel mit der Überschrift „Putins trojanisches Pferd ist gestoppt“ von Sven Christian Schulz in der Sächsischen Zeitung. 1

Im Text selbst geht es noch martialischer zur Sache. Der Autor schreibt: „Putins trojanisches Pferd in der EU ist enthauptet.“ Dass es keinen Aufschrei in der schreibenden Zunft zu diesen Worten der Entmenschlichung und Entgleisung gibt, macht betroffen. Die Sächsische Zeitung brachte damit ein beredtes Beispiel dafür, was man eigentlich unter dem Kampfbegriff „Hass & Hetze“ verstehen kann. Wer so schreibt, rennt als Journalierender in die totalitäre Abseitsfalle. Im Fußball würde man also sagen, dass er sich wie ein Stürmer böse verdribbelt hat.

War Orbán nun der Autokrat und Vasall Moskaus, als den ihn die EU-hörige Presse dargestellt hat? Orbán hat sich bereits zwei Stunden nach Schließung der Wahllokale als lupenreiner Demokrat vor die Mikrofone begeben und erklärt, dass er den Herausforderer Péter Magyar angerufen und ihm zum Wahlsieg gratuliert habe. So handelt kein Diktator, der angeblich seine Macht mit Händen und Füßen verteidigen will.

Das ungarische Wahlsystem und seine Folgen

Die Besonderheit des ungarischen Wahlsystems, wonach 106 Direktmandate und 93 Parteienmandate (Zweitstimme) möglich sind und „Bruchteilstimmen“ verrechnet werden 2, (2) führte 2022 zu einer Zweidrittelmehrheit für Orbán, die seine Fidesz-Partei für Verfassungsänderungen nutzte. Man unterstellte Orbán, den Staat rechtswidrig umzubauen.

EU-Reaktionen und der Streit um „unsere Demokratie“

Skandal-Rufe aus Brüssel! Die Brüsseler Eurokraten haben daraufhin festgelegt, dass die souveränen Entscheidungen innerhalb Ungarns nicht zu „unserer Demokratie“ passen und deshalb zwischen 15 und 18 Milliarden Euro EU-Gelder für Ungarn eingefroren. Dass die Ungarn Orbán in die Zweidrittelmehrheit gewählt hatten und ihm damit das Mandat gaben, war in Brüssel egal. So weit geht „unsere Demokratie“ eben nicht.

Dass jetzt die Tisza-Partei mit etwas über 50 % der Stimmen ebenfalls Zweidrittel der Sitze im Parlament hat und ebenso die Verfassung ändern will, ist plötzlich kein Aufreger mehr.

Wirtschaftliche Folgen eingefrorener EU-Gelder

Ein interessanter und erwartbarer Effekt der verweigerten EU-Mittel war eine dadurch bedingte schleppende wirtschaftliche Entwicklung, weil für mehr das Geld fehlte. Genau dieses Stocken wurde zum Wahlkampfthema gegen Orbán thematisiert. Orbán wiederum betonte, dass man lieber eine Mio. Euro pro Tag Strafe an die EU zahlt, weil man die Grenzen gegen Massenmigration geschlossen hält.

Péter Magyar: Aufstieg eines Insiders und die Gerüchteküche

Péter Magyar war vor zwei Jahren noch Teil von Fidesz und damit im Machtzirkel von Viktor Orbán verortet. Verheiratet war er bis zum skandalträchtigen Ende im Jahr 2024 mit der damaligen Justizministerin Judit Varga. Er wechselte von Fidesz zur Tisza-Partei, um diese wiederzubeleben. So etwas kostet Geld, viel Geld. Tisza sagt, das kam von Spendern und nicht vom Staat. Kritiker sagen, es kam von den NGOs, die von der EU und Soros unterstützt wurden. Beschlagnahmte Transporter mit 80 Mio. Euro in bar, mit Gold und ukrainischen Geheimdienstlern, die nicht etwa in Richtung Ukraine fuhren, sondern ins ungarische Binnenland, sorgen für weitere Blickwinkel und Gerüchte. Aufgeklärt ist dieser Vorfall längst noch nicht. Hauptsache, der europäische Bürger muss bald bei seiner Bank begründen, wofür er 3.000 EUR Bargeld abheben will.

Wahlkampf ohne Inhalte?

Werner Patzelt, Politikprofessor in Dresden, wunderte sich in der Weltwoche darüber, dass Péter Magyar keine eigentlichen Themen hatte, sondern nur mit den Schlagworten „Orban abwählen“, „Korruption bekämpfen“ und „Neuanfang“ die Wähler hinter sich brachte. Welche Handlungen werden aus diesen Parolen folgen?

Das Brüsseler Trojanische Pferd?

Mancher rieb sich kurz nach der Wahl verwundert die Augen und Ohren, denn man sah Magyar im Geiste brav auf dem Schoß von Ursula von der Leyen sitzen, der nach dem Wahlsieg als das Trojanische Pferd der Brüsseler Spitze der EU nicht nur die Hindernisse für das 90-Milliarden-Euro-Kredit-Geschenk an die Ukraine aus dem Weg räumt, sondern auch einen der letzten für seine Souveränität einstehenden Staaten an die europakonforme Kandare nimmt.

Magyars erste politische Signale

In seiner Erklärung am 14.04.26 betonte Magyar, dass man an der Asylpolitik nichts ändern wolle, sich auch wie die Slowakei und Tschechien nicht finanziell an den 90 Milliarden für die Ukraine beteiligen, und auch bei der Energieversorgung weiterhin die Diversität der Lieferanten aus allen Himmelsrichtungen beibehalten werde. Druschba heißt bekanntlich Freundschaft und diese Pipeline soll bitte sehr weiter Öl nach Ungarn liefern.

Gegen-Narrativ: Orbáns strategisches Spiel?

Nun kursieren bereits Darstellungen in den sozialen Medien, die nicht alle durch den Digital Services Act eingeschränkt werden können, dass Magyar womöglich vom ungarischen Silberrücken Orbán als Trojanisch-ungarisches Pferd gezielt aufgebaut ins Rennen geschickt wurde. Eine echte Opposition, die den Eurokraten der Linkswoken passen könnte, gab es 2024 nicht. Also habe man vor zwei Jahren den Orbn-Vertrauten Magyar mit Entrüstung und Empörung gegen die korrupte Orbán-Regierung losgeschickt, die erlahmte Tisza-Partei in der politischen Arena zu übernehmen. So die Erzählung.

Soros, NGOs und Einflussdebatten

Die anderen rufen entrüstet in die Runde, dass Péter Magyar natürlich von George Soros und seinen NGOs mit Millionen unterstützt wurde, um Orbán zu stürzen und selbst Einfluss in Ungarn zu bekommen. Ganz unwahrscheinlich ist das nicht, wenn man in Berichten verschiedener NGOs sucht, die Bezug nehmen auf Finanzunterstützung durch die EU und die Soros-NGO „Open Society“. Ein weites Feld für investigative und bezahlte Journalisten.

Medienpolitik, Informationskrieg und Deutungshoheit

Währenddessen saß Magyar im staatlichen ungarischen Fernsehen und verkündete, er werde unverzüglich die Nachrichtensendung des öffentlichen Rundfunks in Ungarn aussetzen, da dieser nur Propaganda und einseitige Desinformation liefere. Man müsse das komplett neu aufbauen.

Man weiß gar nicht mehr, wie viele trojanische Pferde wie in den russischen Matroschkas ineinandergesteckt sind. Willkommen im Informationskrieg der Halbwahrheiten und gestreuten Gerüchte. Matroschka? Das zeigt wieder auf Putin und der Kreisel dreht die nächste Runde.

Fazit

Was ist nun die ungarische Wahrheit dieser Parlamentswahl? Nem tudom. Ich weiß nicht.

Anm. der Redaktion: dieser Artikel ist in ähnlicher Fassung zuerst bei Vera Lengsfeld erschienen.

Links
  1. Wenn Sprache zur Waffe wird – Nach der Wahl in Ungarn – dieBasis | Basisdemokratische Partei Deutschland ↩︎
  2. Wahlsystem: Ungarn – Országgyűlés (Nationalversammlung) ↩︎
 

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