Warum Geld allein keinen Frieden schafft
Gastbeitrag von Peter Scheller
Deutschland diskutiert wieder einmal über Entwicklungshilfe und humanitäre Unterstützung. Ausgelöst wurde die Debatte durch den „Kompass Humanitäre Hilfe 2026“, in dem die Welthungerhilfe und Terre des Hommes eine Aufstockung der deutschen Mittel auf jährlich 2,8 Milliarden Euro fordern.
Sofort folgte der politische Schlagabtausch. Die einen sprechen von einer notwendigen Hilfe angesichts wachsender Krisen. Andere kritisieren eine angebliche Verdreifachung der Ausgaben und warnen vor einer Überforderung des Bundeshaushalts. Die eigentliche Frage lautet nicht, wie viel Geld Deutschland ausgeben soll, sondern warum diese Hilfe überhaupt in einem solchen Umfang notwendig ist.
Die Zahl ist weniger spektakulär, als sie klingt
Wer nur die aktuelle Haushaltsplanung betrachtet, könnte tatsächlich den Eindruck gewinnen, die Hilfsorganisationen verlangten eine enorme Ausweitung der Ausgaben. Ein Blick auf die Entwicklung der vergangenen Jahre zeichnet jedoch ein anderes Bild.
Deutschland stellte 2022 rund 3,14 Milliarden Euro für humanitäre Hilfe bereit. 2023 waren es noch 2,72 Milliarden Euro, 2024 rund 2,23 Milliarden Euro. Im Bundeshaushalt 2026 sind dagegen nur noch rund eine Milliarde Euro vorgesehen. Die nun geforderten 2,8 Milliarden Euro würden also unter dem Niveau von 2023 liegen. Die Behauptung einer „Verdreifachung“ ist zwar rechnerisch gesehen richtig, verschweigt aber die massiven Kürzungen der vergangenen Jahre.
Folgender Aspekt sollte auch nicht verschwiegen werden. Während der Bundeshaushalt für 2026 lediglich rund eine Milliarde Euro für humanitäre Hilfe vorsieht, genehmigte Deutschland 2024 Rüstungsexporte im Rekordwert von rund 13 Milliarden Euro. Beide Zahlen sind zwar nicht unmittelbar vergleichbar, verdeutlichen aber politische Prioritäten unserer Politik.
Und Deutschland ist nicht allein. Auch andere westliche Staaten wie die USA, Großbritannien oder Frankreich haben die Budgets für humanitäre Hilfe stark reduziert.
Warum wächst der Bedarf überhaupt?
Kaum jemand stellt die Frage, warum humanitäre Hilfe weltweit ständig zunehmen muss. Liegt es tatsächlich nur an Naturkatastrophen oder ist die ständig steigende Zahl der Hilfsbedürftigen Ausdruck einer internationalen Politik, die immer neue Krisen hervorbringt?
Unsere Artikelserie über die vergessenen Kriege hat genau dieses Problem beschrieben. Während täglich über einzelne Konflikte berichtet wird, geraten zahlreiche andere Kriege nahezu vollständig aus dem Blick der Öffentlichkeit.
Sudan. Kamerun. Myanmar. Jemen. Demokratische Republik Kongo. Sahel.
Millionen Menschen leiden dort unter Terror, Vertreibung und Hunger. Nicht weil plötzlich die Klimakatastrophe eingetreten ist, sondern weil Kriege, Bürgerkriege, geopolitische Machtkämpfe, wirtschaftliche Interessen und jahrzehntelange Instabilität ganze Regionen zerstören.
Wer verdient an diesen Kriegen?
Deutschland gehört zu den größten Gebern humanitärer Hilfe weltweit. Deutschland gehört aber gleichzeitig auch zu den größten Exporteuren von Rüstungsgütern. Hinzu kommen wirtschaftliche Interessen aller westlicher Staaten – auch Deutschlands – an Rohstoffen, Handelswegen und geopolitischem Einfluss.
Natürlich trägt Deutschland nicht allein Verantwortung für diese Konflikte. Ebenso wenig die USA, Russland oder China. Doch gerade die großen Mächte prägen viele dieser Krisen durch Waffenlieferungen, Stellvertreterkriege, wirtschaftlichen Druck, Sanktionen oder politische Einflussnahme. Humanitäre Hilfe wird dadurch häufig zur Reparaturleistung einer Außenpolitik, die an anderer Stelle selbst zur Eskalation beiträgt.
Humanitäre Hilfe darf niemals politisch werden
Humanitäre Hilfe ist unverzichtbar. Wer Hunger leidet, verletzt ist oder fliehen muss, braucht Hilfe, und zwar unabhängig davon, auf welcher Seite eines Konfliktes er steht.
In den vergangenen Jahren entstand zunehmend der Eindruck, dass internationale Hilfe nicht immer allein nach humanitären Kriterien verteilt wird. Bestimmte Krisen dominieren wochenlang die Schlagzeilen und mobilisieren enorme finanzielle Mittel. Andere Konflikte verschwinden nahezu vollständig aus der öffentlichen Wahrnehmung.
Die Folge ist eine politische und mediale Ungleichbehandlung menschlichen Leids. Das erzeugt den faden Eindruck, dass das humanitäre Völkerrecht Menschen erster und zweiter Klasse kennt.
Bemerkenswert ist, dass der Kompass 2026 selbst fordert, Deutschland müsse sich deutlich konsequenter für die Einhaltung des humanitären Völkerrechts einsetzen. Hilfe allein genügt also nach Auffassung der Autoren nicht. Konflikte müssen auch rechtlich und politisch verhindert werden.
Frieden kostet weniger als Krieg
Die eigentliche Aufgabe der Politik sollte nicht darin bestehen, immer größere Hilfsprogramme aufzulegen. Sie besteht darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen diese Hilfe möglichst selten benötigt wird.
Jeder vermiedene Krieg spart unermessliches menschliches Leid. Jede erfolgreiche Diplomatie verhindert Millionenbeträge an späterer Nothilfe. Jede friedliche Konfliktlösung ist zugleich die wirksamste Entwicklungshilfe. Hilfe allein genügt nicht, sondern Deutschland sollte echte humanitäre Hilfe leisten.
Wir alle sollten konsequent die politischen Ursachen von Flucht, Hunger und Krieg hinterfragen. Das gilt besonders dort, wo westliche Staaten eigene Interessen verfolgen. Wer jedes Jahr Milliarden für die Folgen von Konflikten bereitstellt, muss ebenso ehrlich darüber sprechen, wie diese Konflikte entstehen. Sonst bleibt humanitäre Hilfe das, was sie heute geworden ist, nämlich ein Pflaster auf Wunden, die die internationale Politik immer wieder selbst schlägt.
Fazit
Humanitäre Hilfe darf niemals zum Feigenblatt einer Außenpolitik werden, die Konflikte politisch oder wirtschaftlich befeuert, nur um anschließend die Beseitigung schlimmster Folgen zu finanzieren. Wirkliche Friedenspolitik beginnt deutlich früher, nämlich dort, wo Diplomatie Kriege verhindert, bevor humanitäre Hilfe überhaupt notwendig wird. Humanitäre Hilfe darf nicht dazu dienen, von den eigentlichen Ursachen weltweiter Krisen abzulenken.
Aus Sicht der dieBasis braucht Deutschland deshalb beides, nämlich eine verlässliche Hilfe für Menschen in Not und eine Außenpolitik, die sich konsequent an Diplomatie, Völkerrecht und friedlicher Konfliktlösung orientiert. Denn die beste humanitäre Hilfe ist noch immer die Verhinderung von Krieg.
Danksagung
Ich danke Doris Dubiel für unterstützende Recherchen und gedankliche Impulse bei der Ausarbeitung dieses Artikels.
Quellen und Links
DOMRADIO.DE: Hilfswerke fordern jährlich 2,8 Milliarden Euro für humanitäre Hilfe (24.06.2026) – https://www.domradio.de/artikel/hilfswerke-fordern-jaehrlich-28-milliarden-fuer-humanitaere-hilfe
Welthungerhilfe: Kompass 2026 – Wirklichkeit der deutschen Entwicklungspolitik – https://www.welthungerhilfe.de/unsere-arbeit/themen/globale-gerechtigkeit/kompass
Terre des Hommes Deutschland: Kompass 2026 – Zur Wirklichkeit der deutschen Entwicklungspolitik – https://www.tdh.de/informieren/themen/kompass
UNO Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (UNOCHA): Global Humanitarian Overview – https://humanitarianaction.info/
Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: For a strategically oriented policy on the export of military equipment – https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/EN/Dossier/export-controls-for-military-equipment.html
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