Migration und Sozialsysteme

Eine unvollständige Debatte

Gastbeitrag von Peter Scheller

Der Begriff „Migration“ wird häufig unscharf verwendet. Präziser ist es, zwischen Immigration (Zuwanderung) und Emigration (Abwanderung) zu unterscheiden. In der politischen Diskussion liegt der Fokus meist auf der Immigration, beispielsweise im Hinblick auf Integration, Arbeitsmarkt oder Sozialleistungen.

Unstrittig ist, dass Immigration einen volkswirtschaftlich positiven Beitrag leisten kann, wenn Zuwandernde erfolgreich in den Arbeitsmarkt integriert werden. Gleichzeitig zeigt die Forschung, dass die fiskalischen Effekte stark von Qualifikation, Erwerbsbeteiligung und Integrationsdauer abhängen. Kurz- und mittelfristig können zusätzliche Belastungen entstehen, insbesondere bei gering qualifizierter Zuwanderung.

Auswanderung als unterschätzter Faktor

Weniger im Fokus steht die Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte. Deutschland verzeichnet seit Jahren eine erhebliche Zahl an Wegzügen auch vieler gut ausgebildeter Fachkräfte. Dieses Phänomen wird häufig als „Brain Drain“ bezeichnet.

Laut Studien verlassen jährlich zehntausende Hochqualifizierte das Land. Gründe sind unter anderem:

  • hohe Steuer- und Abgabenlast
  • bessere Karrierechancen im Ausland
  • attraktivere Rahmenbedingungen für Selbstständige und Unternehmen sowie
  • persönliche und gesellschaftliche Faktoren

Diese Abwanderung hat unmittelbare Folgen. Es gehen nicht nur Arbeitskräfte verloren, sondern auch Steuer- und Beitragszahler, die für die Finanzierung der Sozialsysteme zentral sind.

Beitragsbild Migration und Sozialsysteme

Kaufkraftabfluss und Steuern

Ein weiterer, oft übersehener Aspekt ist die zunehmende Zahl von Rentenempfängern im Ausland. Die Deutsche Rentenversicherung zahlt mittlerweile über 1,7 Millionen Renten ins Ausland, da ein Teil der Rentner seinen Wohnsitz dauerhaft verlagert.

Das hat diverse Auswirkungen: Die Rentenzahlungen fließen damit in andere Volkswirtschaften. In bestimmten Fällen erfolgt die Besteuerung der Renten nicht mehr in Deutschland.

Gerade bei höheren Renten kann dies bedeuten, dass dem Inland erhebliche Kaufkraft entzogen wird. Gleichzeitig bleiben die Ansprüche gegenüber dem deutschen Rentensystem bestehen.

Doppelter Druck auf Wirtschaft und Sozialsysteme

Setzt man diese Entwicklungen zusammen, ergibt sich ein klares Bild. Die Einnahmeseite der Sozialsysteme wird geschwächt, während die Ausgabenseite wächst. Ferner fließen Renten ins Ausland, was die inländische Kaufkraft schwächt.

Gleichzeitig verlassen hochqualifizierte Erwerbstätige das Land, was zu weniger Beiträgen führt. Diese Kombination führt langfristig zu einem strukturellen Ungleichgewicht.

Eine Frage der Attraktivität

Die zentrale Frage lautet nicht nur, wie viele Menschen nach Deutschland kommen, sondern auch, weshalb Menschen gehen. Sowohl Fachkräfte als auch Rentner treffen ihre Entscheidungen zunehmend rational:

  • Wo ist die Lebensqualität höher?
  • Wo bleibt mehr vom Einkommen übrig?
  • Wo sind Rahmenbedingungen verlässlicher?

Diese Fragen betreffen nicht nur wirtschaftliche, sondern auch gesellschaftliche und politische Faktoren.

Politische Perspektive

Die derzeitige Debatte lässt einen wesentlichen Aspekt der Migration außer Acht, wenn sie sich ausschließlich auf Immigration konzentriert. Eine nachhaltige Politik muss drei Aspekte gleichzeitig betrachten:

  • Qualität und Integration der Immigration
  • Verhinderung von Abwanderung leistungsfähiger Kräfte
  • Stärkung der Attraktivität des Wohn- und Standortes Deutschland

Ohne diese Balance droht ein schleichender Verlust an wirtschaftlicher Substanz.

Fazit

Deutschland steht vor einer doppelten Herausforderung. Es muss sowohl attraktiv für qualifizierte Zuwanderung bleiben als auch Abwanderung begrenzen und gleichzeitig die Tragfähigkeit seiner Sozialsysteme sichern. 

Die Diskussion über Immigration ist wichtig, aber sie ist nur ein Teil der Gesamtsituation. Ebenso entscheidend ist der Blick auf jene, die gehen, nämlich die Fachkräfte, die ihr Know-how und ihre Arbeitskraft mitnehmen und die Rentner, die ihre Kaufkraft ins Ausland verlagern.

Quellen:

Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR) – Jahresgutachten – https://www.svr-migration.de

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) – Internationale Migration – https://www.iab.de

Deutsche Rentenversicherung – Rentenzahlungen ins Ausland – https://www.deutsche-rentenversicherung.de

OECD – International Migration Outlook – https://www.oecd.org/migration

 

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