Gastbeitrag von Doris Dubiel
Ältere Menschen werden in Deutschland zu oft als Kostenfaktor gesehen, so auch in der Rentenpolitik. dieBasis lehnt die aktuelle Doppelbesteuerung von Renten ab und fordert ein Rentensystem, das ein Leben in Würde wirklich ermöglicht. Doch es geht um mehr als Geld. Rentner sind keine Versorgungsempfänger, sie tragen Jahrzehnte an Erfahrung, Wissen und menschlicher Reife in sich. Das ist ein Schatz für die Gesellschaft, für die Nachbarschaft, für uns alle. dieBasis schätzt diesen Mehrwert und setzt sich dafür ein, dass ältere Menschen nicht nur finanziell abgesichert sind, sondern gesellschaftlich weiterhin aktiv bleiben können.
Das Wort „Ruhestand“ ist irreführend
Wer in Rente geht, hört nicht auf zu leben. Das Wissen bleibt. Die Fähigkeiten bleiben. Der Wunsch, etwas beizutragen, bleibt. Der Begriff „Ruhestand“ suggeriert Stillstand. Dabei beginnt für viele Menschen in dieser Lebensphase erst richtig, was zählt: Zeit für andere, Zeit zum Gestalten, Zeit für das, was wirklich wichtig ist.
Das Problem sehen wir nicht im Menschen, sondern an fehlenden Strukturen – und genau hier setzt dieBasis an. Es fehlen Orte und Möglichkeiten, wo ältere Menschen ihr Können einbringen können.
Ein Beispiel aus dem Alltag. In einer Gesprächsrunde älterer Menschen wurde einmal vorgeschlagen, sich gegenseitig zu helfen, mit Fahrdiensten, kleinen Reparaturen und Einkäufen. Die Reaktion war Schweigen. Nicht weil niemand helfen möchte, sondern weil die Frage sie überraschte.

Würde gilt für jedes Lebensalter
Das Grundgesetz ist eindeutig: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das gilt vom ersten Lebenszeichen – noch vor der Geburt – bis zum letzten Atemzug. Würde bedeutet, dass jeder Mensch sein Leben selbst gestalten kann, bis zuletzt. Es bedeutet das Recht, dabei zu sein, mitzumachen und Verantwortung zu tragen.
dieBasis nimmt Selbstbestimmung ernst und behandelt ältere Menschen als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft und nicht als Empfänger von Fürsorge, sondern als aktive Menschen mit Erfahrung und Stärke.
Wissenschaftliche Studien zeigen: Wer im Alter gebraucht wird und soziale Aufgaben hat, bleibt länger gesund – körperlich und geistig. ¹ Einsamkeit und Untätigkeit dagegen erhöhen das Risiko für Demenz und Depression. ² Das kostet die Gesellschaft weit mehr, als gute Strukturen es je könnten.
Was konkret gebraucht wird
Selbstbestimmung im Alter braucht Unterstützung. Nicht Bevormundung, sondern den richtigen Rahmen. dieBasis fordert deshalb:
- Alltagsbegleiter und Haushaltshilfen, damit ältere Menschen so lange wie möglich zu Hause leben können
- Häusliche Pflege und Gesundheitszentren – auch auf dem Land, nicht nur in der Stadt
- Barrierefreie Wohnungen und öffentliche Gebäude als Standard, nicht als Ausnahme
- Mehrgenerationenhäuser, wo Jung und Alt zusammenkommen und voneinander lernen
- Ehrenamtliche Jobcenter als Anlaufstellen, die ältere Menschen mit sinnvollen freiwilligen Aufgaben zusammenbringen
Eine Rente, von der man leben kann, denn ohne materielle Sicherheit ist Würde nicht möglich.
Es gibt bereits gute Beispiele
Das alles ist keine Utopie. In Deutschland funktioniert es bereits, nämlich dort, wo man angefangen hat.
Zeitbank Lörrach: Seit neun Jahren tauschen Menschen dort keine Euros, sondern Stunden. Wer hilft, bekommt Zeitgutschriften zurück. Im Jahr 2025 leisteten die Mitglieder fast 1.750 Stunden Nachbarschaftshilfe in Form von Arztbegleitung, Gartenarbeit und gemeinsamen Gesprächen. Kein Amt, keine Bürokratie – nur Menschen, die füreinander da sind.
Mehrgenerationenhäuser: In Deutschland gibt es rund 540 solcher Häuser. Dort sind ältere Menschen als Lernpaten, Leihgroßeltern oder einfach als Gesprächspartner aktiv. Was dort entsteht, ist keine Sozialhilfe, es ist echte Gemeinschaft.
Seniorengenossenschaft Riedlingen: Seit über zwanzig Jahren helfen sich die Mitglieder gegenseitig – ohne Geld und auf Stundenbasis. Haushalt, Garten, Arztbegleitung, kleine Reparaturen. Das Modell wurde vielerorts nachgeahmt. Es zeigt: Gegenseitige Hilfe funktioniert, wenn man ihr eine Struktur gibt.
Generationsübergreifendes Wohnen in Bayern: Das bayerische Sozialministerium fördert gezielt Wohnprojekte, in denen Ältere, Familien und Alleinstehende zusammenleben, jeder mit eigener Wohnung, alle mit geteilter Verantwortung. Diese Modelle sind nicht teurer als ein Pflegeheim. Sie sind einfach menschlicher.
Schwarmintelligenz nutzen
Unter den älteren Menschen in Deutschland sind Ingenieure, Lehrerinnen, Handwerker, Pflegefachkräfte, Unternehmer, und Arbeiter. Ihr Wissen ist real. Ihre Zeit ist da. Wenn man sie fragt – was sie noch geben möchten –, bekommt man Antworten, die kein Jobcenter der Welt formulieren könnte.
Das verstehen wir unter Schwarmintelligenz. Und die Partei dieBasis, die durch die Weisheit ihrer Mitglieder und Mitbürger lebt, möchte auf diese Intelligenz nicht verzichten. Ältere Mitglieder sind nicht das Ende einer Geschichte, sie sind Träger von Erfahrung, Haltung und Zusammenhalt.
Ruhestand – eine andere Form der Gegenwart
Die wichtigste Frage im Alter ist nicht, was jemand hinter sich hat. Die wichtigste Frage ist: Welche Wünsche, Vorstellungen und Visionen sind in ihm lebendig.
dieBasis steht für eine Gesellschaft, in der jeder Mensch – in jedem Alter – als vollwertiges Mitglied gilt. Ruhestand ist kein Rückzug. Er ist eine reifere, ruhigere Form der Gegenwart in der Welt. Diejenigen, die das verstehen und umsetzen, gestalten nicht nur eine gerechtere, sondern auch eine klügere Politik.
Quellen
¹ BMFSFJ: Fünfter Altenbericht der Bundesregierung.
² Lancet Commission on Dementia Prevention, Intervention, and Care (2020).