Gastbeitrag von Heinrich Wolerts (Pseudonym)
Wie Krisen die Macht der Großen vergrößern
Seit mehr als zwanzig Jahren jagt eine Krise die nächste. Terror, Finanzkrise, Eurokrise, Pandemie, Lieferketten, Energie, Inflation und nun neue geopolitische Konflikte. Diese Abfolge wirkt wie eine Serie unglücklicher Ereignisse. Tatsächlich zeigt sich darin ein wiederkehrendes Muster.
Krisen treffen nicht alle gleich. Sie schwächen die Kleinen und stärken die Großen.
Darstellung des Problems
Für viele Menschen bedeutet Krise steigende Preise, sinkende Kaufkraft und wachsende Unsicherheit. Kleine Unternehmen verlieren Aufträge oder verschwinden ganz vom Markt. Gleichzeitig gelingt es großen Unternehmen immer wieder, ihre Position auszubauen. Sie gewinnen Marktanteile, erhöhen Preise und sichern sich politische Einflussmöglichkeiten.
Das ist kein Zufall, sondern ein strukturelles Problem moderner Volkswirtschaften. Krisen wirken wie ein Beschleuniger bestehender Machtverhältnisse.

Wissenschaftliche Fakten
Die Forschung beschreibt diese Entwicklung seit Jahren klar. OECD und Internationaler Währungsfonds zeigen, dass Marktkonzentration in vielen Branchen zugenommen hat und große Unternehmen steigende Preisaufschläge durchsetzen konnten (OECD, Market Concentration Indicators; IMF, World Economic Outlook, verschiedene Ausgaben).
Auch Arbeiten des National Bureau of Economic Research (NBER) dokumentieren eine Zunahme von Marktmacht und sinkende Wettbewerbsdynamik (De Loecker/Eeckhout, The Rise of Market Power, NBER).
Ein Blick auf konkrete Krisen verdeutlicht diese Mechanik
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 stiegen die Umsätze großer Rüstungsunternehmen deutlich. Die Brown University beziffert die Kosten der US-Kriege seit 2001 auf rund acht Billionen Dollar (Costs of War Project). Gleichzeitig zeigen SIPRI-Daten einen starken Anstieg der Rüstungsumsätze in den Folgejahren.
In der Finanzkrise 2008 gingen laut FDIC fast 500 Banken unter. Gleichzeitig konnten große Institute Marktanteile gewinnen. Eine FDIC-Analyse spricht ausdrücklich von einem „Survival of the Biggest“.
In der Eurokrise floss ein erheblicher Teil der Hilfsprogramme in Schuldendienst und Bankenstabilisierung. Studien wie „The Greek Rescue: Where Did the Money Go?“ zeigen, dass die Realwirtschaft nur begrenzt profitierte.
Während der Corona-Pandemie wurden Impfstoffe mit erheblichen öffentlichen Mitteln entwickelt. Eine Analyse im British Medical Journal beziffert die US-Unterstützung für mRNA-Impfstoffe auf mindestens 31,9 Milliarden Dollar. Gleichzeitig erzielte Pfizer 2021 rund 36 Milliarden Dollar Umsatz mit Covid-Impfstoffen, Moderna rund 18 Milliarden.
Auch die Lieferkettenkrise erzeugte massive Gewinne bei großen Marktakteuren. Hapag-Lloyd meldete 2022 einen Rekordgewinn von rund 17 Milliarden Euro (Reuters).
In der Energiekrise 2022 verdienten große Ölkonzerne so viel wie nie zuvor. Reuters beziffert die Gewinne der größten westlichen Ölunternehmen auf rund 219 Milliarden Dollar. Exxon allein erzielte 56 Milliarden Dollar Gewinn, Shell rund 40 Milliarden.
Schließlich zeigt eine Analyse des IMF zur jüngsten Inflation, dass neben Importpreisen auch Unternehmensgewinne eine Rolle gespielt haben. Gleichzeitig weist die OECD darauf hin, dass insbesondere in konzentrierten Sektoren wie der Lebensmittelkette Preissetzungsmacht stark ausgeprägt ist.
Diese Beispiele sind unterschiedlich, aber die Richtung ist identisch. Krisen gehen regelmäßig mit steigender Marktmacht großer Unternehmen einher.
Politische Einordnung
Diese Entwicklung folgt einer klaren Logik. Große Unternehmen verfügen über Kapital, Zugang zu Krediten, politische Kontakte und organisatorische Ressourcen. Sie können Krisen länger überstehen und sie aktiv nutzen. Kleine Unternehmen haben diese Möglichkeiten nicht. Sie tragen das Risiko und verschwinden häufig zuerst.
Krisen sind deshalb keine neutralen Ereignisse, sondern ein Selektionsmechanismus. Sie verschieben Märkte zugunsten derjenigen, die bereits stark sind. Damit entsteht ein Kreislauf. Mehr Krise führt zu mehr Konzentration, mehr Konzentration führt zu mehr Marktmacht und mehr Marktmacht erleichtert es wiederum, Krisen in Gewinne umzuwandeln.
Das Ergebnis ist eine schleichende Verschiebung wirtschaftlicher und politischer Macht. Wenn wenige große Akteure Preise setzen, Märkte dominieren und politischen Einfluss ausüben, verändert das die Funktionsweise einer Demokratie. Wettbewerb wird eingeschränkt, Abhängigkeiten wachsen, und politische Entscheidungen geraten unter Druck.
Fazit
Die entscheidende Frage ist daher nicht nur, wie wir die nächste Krise bewältigen. Die entscheidende Frage ist, welche Strukturen wir schaffen und welche wir zulassen. Wer nur auf die nächste Schlagzeile reagiert, bleibt im Modus der permanenten Krisenverwaltung. Wer die Strukturen nicht verändert, verstärkt sie.
Deshalb braucht es weniger operative Hektik und mehr strukturelles Denken. Es braucht eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Marktmacht, Wettbewerb und der Rolle des Staates in Krisen. Denn am Ende geht es nicht nur um Wirtschaft, sondern es geht um Demokratie. Wenn wirtschaftliche Macht immer stärker konzentriert wird, dann gerät auch politische Macht aus dem Gleichgewicht.
Die Aufgabe ist klar. Die Demokratie muss vor der schleichenden Macht der Oligopole geschützt werden, nicht irgendwann, sondern jetzt.