Vom funktionsfähigen Oligopol zur Machtökonomie – Teil II
Gastbeitrag von Heinrich Wolerts
Die neue Logik des Erfolgs
Über viele Jahrzehnte folgte wirtschaftlicher Erfolg einer vergleichsweise einfachen Regel. Wer bessere Produkte entwickelte, effizienter produzierte oder die Wünsche der Kunden besser verstand als seine Konkurrenten, konnte wachsen. Erfolg musste immer wieder neu erarbeitet werden.
Natürlich gab es auch damals große Unternehmen. Doch ihre Größe schützte sie nicht dauerhaft vor dem Wettbewerb. Die Geschichte der Wirtschaft ist voller Beispiele ehemals mächtiger Konzerne, die von innovativeren Wettbewerbern verdrängt wurden. Größe war ein Vorteil, aber keine Garantie für die Zukunft.
Genau diese Erfahrung hat unser wirtschaftliches Denken geprägt. Wir gehen bis heute oft ganz selbstverständlich davon aus, dass Wettbewerb wirtschaftliche Macht früher oder später wieder begrenzt. Doch genau an diesem Punkt beginnt sich die Logik der modernen Wirtschaft zu verändern.

Wenn Erfolg neuen Erfolg erzeugt
Stellen wir uns einen kleinen Laden in einer Fußgängerzone vor. Verkauft er gute Produkte, kommen mehr Kunden. Der Gewinn steigt. Vielleicht kann der Besitzer einen zweiten Laden eröffnen. Doch irgendwann stößt dieses Wachstum an natürliche Grenzen. Mehr Filialen bedeuten auch mehr Kosten, mehr Personal und mehr organisatorischen Aufwand.
Digitale Unternehmen funktionieren oft völlig anders. Ob eine Suchmaschine hundert Millionen oder eine Milliarde Suchanfragen verarbeitet, verändert die Grundstruktur ihres Geschäfts kaum. Die Software muss nicht für jeden neuen Kunden neu entwickelt werden. Ein einmal geschaffenes digitales Produkt kann nahezu unbegrenzt genutzt werden.
Hinzu kommt ein zweiter, weit wichtigerer Effekt. Jeder zusätzliche Nutzer erzeugt neue Daten. Diese Daten helfen dabei, Algorithmen zu verbessern. Bessere Algorithmen führen zu besseren Produkten. Bessere Produkte ziehen wiederum neue Nutzer an.
Erfolg wird damit selbst zu einer Quelle weiteren Erfolgs. Der Volksmund kennt dieses Prinzip seit Jahrhunderten: „Wer hat, dem wird gegeben.“ In der digitalen Wirtschaft wird daraus ein ökonomischer Mechanismus.
Daten sind mehr als ein Rohstoff
Oft werden Daten als das „Öl des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet. Dieser Vergleich greift jedoch zu kurz. Öl wird verbraucht, Daten dagegen nicht. Im Gegenteil: Je häufiger Daten genutzt werden, desto wertvoller können sie werden. Erst durch ihre Auswertung entstehen Muster, Zusammenhänge und Vorhersagen. Mit jeder neuen Anwendung wächst der Erkenntnisgewinn.
Künstliche Intelligenz verstärkt diesen Prozess zusätzlich. Moderne KI-Systeme lernen aus riesigen Datenmengen. Je umfangreicher und hochwertiger diese Daten sind, desto leistungsfähiger werden die Modelle.
Dadurch entsteht ein Kreislauf, der sich immer schneller selbst verstärkt. Mehr Nutzer erzeugen mehr Daten. Mehr Daten verbessern die KI. Eine bessere KI macht das Angebot attraktiver. Ein attraktiveres Angebot gewinnt wiederum neue Nutzer.
Der Wettbewerb entscheidet sich damit immer seltener allein über den Preis oder die Qualität eines einzelnen Produkts. Er entscheidet sich zunehmend über den Zugang zu Daten, Rechenleistung und Kapital.
Kapital wird selbst zum Wettbewerbsvorteil
Damit verändert sich auch die Rolle des Kapitals. Früher investierten Unternehmen vor allem in Fabriken, Maschinen oder Produktionsanlagen. Diese Investitionen waren wichtig, doch sie verschafften nur einen zeitlich begrenzten Vorsprung. Andere Unternehmen konnten ähnliche Fabriken bauen und vergleichbare Maschinen kaufen.
Heute fließen gewaltige Summen in Rechenzentren, Halbleiter, Stromversorgung, Glasfasernetze und künstliche Intelligenz. Die erforderlichen Investitionen erreichen Größenordnungen, die für die meisten Unternehmen unerreichbar sind.
Wer bereits über hohe Gewinne verfügt, kann diese Infrastruktur immer weiter ausbauen. Wer nicht über vergleichbare finanzielle Mittel verfügt, hat kaum noch die Möglichkeit aufzuholen. Kapital dient damit nicht mehr nur der Finanzierung wirtschaftlicher Tätigkeit. Es wird selbst zu einer Eintrittsbarriere für neue Wettbewerber.
Die Macht der Netzwerke
Hinzu kommt ein weiterer Mechanismus. Je mehr Menschen dieselbe Plattform nutzen, desto attraktiver wird sie für andere Nutzer. Dieses Prinzip lässt sich in sozialen Netzwerken ebenso beobachten wie bei digitalen Bezahlsystemen, Online-Marktplätzen oder Kommunikationsdiensten.
Niemand möchte dort sein, wo niemand ist. Deshalb gewinnen große Plattformen häufig nicht nur wegen besserer Produkte, sondern weil ihre Größe selbst einen zusätzlichen Nutzen erzeugt. Ökonomen sprechen von Netzwerkeffekten.
Für Verbraucher sind sie oft bequem. Für den Wettbewerb können sie problematisch werden. Denn jeder neue Nutzer stärkt die bestehende Marktposition des Marktführers und erschwert gleichzeitig den Aufstieg möglicher Konkurrenten.
Künstliche Intelligenz als Beschleuniger
Künstliche Intelligenz ist deshalb nicht der Ursprung dieser Entwicklung. Sie wirkt wie ein Beschleuniger auf bereits bestehende Mechanismen. Wer über große Datenmengen verfügt, kann leistungsfähigere Modelle entwickeln. Wer leistungsfähigere Modelle besitzt, erzielt häufig höhere Gewinne. Höhere Gewinne ermöglichen den Bau weiterer Rechenzentren und den Kauf neuer Spezialchips. Dadurch entstehen erneut bessere KI-Systeme.
Es handelt sich um einen klassischen Rückkopplungseffekt. Jede Verstärkung erzeugt die nächste Verstärkung. Dieser Prozess unterscheidet sich grundlegend von den industriellen Wettbewerbsmechanismen des vergangenen Jahrhunderts.
Ein neuer Typ wirtschaftlicher Macht
Keine dieser Entwicklungen ist für sich genommen bedrohlich. Im Gegenteil, sie haben enorme technologische Fortschritte ermöglicht und den Alltag vieler Menschen verbessert. Problematisch wird ihre Kombination.
Kapital verstärkt Daten. Daten verstärken künstliche Intelligenz. Künstliche Intelligenz steigert Produktivität und Gewinne. Gewinne schaffen neues Kapital. Aus vier zunächst unabhängigen Faktoren entsteht ein geschlossener Kreislauf. Genau dieser Kreislauf könnte der eigentliche Motor einer neuen Machtkonzentration sein.
Die klassische Wettbewerbsordnung ging davon aus, dass wirtschaftliche Macht früher oder später durch Konkurrenz begrenzt wird. Die digitale Wirtschaft stellt diese Annahme erstmals grundlegend infrage. Damit stellt sich eine neue ordnungspolitische Frage. Was geschieht mit einer freien Gesellschaft, wenn wirtschaftlicher Erfolg immer häufiger aus bereits vorhandener Macht entsteht?
Dieser Frage widmet sich der Teil III. Denn wirtschaftliche Macht bleibt selten auf die Wirtschaft beschränkt. Sie beginnt früher oder später auch Wissenschaft, Medien, Politik und öffentliche Debatten zu verändern.
Fortsetzung folgt.
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