Die Welt am Abgrund und wohin führt der nächste Schritt?

Bericht zum Politischen Frühschoppen der AG Strategische Impulse vom 02.08.2026

Beitrag der AG Strategische Impulse

Über Kapitalismus, Sozialismus, Macht und die Lernfähigkeit von Gesellschaften

„Die Welt steht am Abgrund. Jetzt fehlt nur noch der Mut zum nächsten Schritt.“ Schon der Titel des Politischen Frühschoppens am 2. August 2026 ließ wenig Raum für Optimismus. Der Zusatz in der Einladung war allerdings wichtig: „Wohin dieser führt, bleibt offen.“ Genau um diese Richtung ging es in dem von der AG Strategische Impulse veranstalteten öffentlichen Zoom-Treffen.

Der Referent setzte mit seinem Vortrag die inzwischen siebenteilige Debatte über einen möglichen „Untergang unserer Zivilisation“ fort. Diesmal führte der Weg von der kulturellen Evolution über Kapitalismus und Sozialismus bis zu Imperialismus, Krieg und gesellschaftlicher Manipulation. Die anschließende Diskussion zeigte allerdings, dass einige seiner Thesen keineswegs unwidersprochen blieben. Besonders beim Begriff des Sozialismus, beim Menschenbild und bei der Frage, was aus gesellschaftlicher Erkenntnis praktisch folgen muss, gingen die Auffassungen auseinander.

Politischer Frühschoppen – Über Kapitalismus, Sozialismus, Macht und die Lernfähigkeit von Gesellschaften

Warum Gesellschaften immer wieder in dieselbe Falle geraten

Ausgangspunkt des Vortrags war ein ungewöhnlicher Blick auf gesellschaftliche Entwicklung. Der Referent griff den Begriff der „Meme“ auf. Gemeint sind damit kulturelle Eigenschaften und Vorstellungen, die nicht genetisch, sondern durch Kommunikation weitergegeben werden. Geschichten, Gewohnheiten, Fertigkeiten, politische Lehren und gesellschaftliche Normen verbreiten sich, verändern sich und konkurrieren miteinander. Kultur wird so von Generation zu Generation weitergegeben.

Dem stellte der Referent angeborene menschliche Verhaltensweisen gegenüber. Dazu zählte er Gerechtigkeitsempfinden und Empathie ebenso wie Herdenverhalten, die Unterscheidung zwischen eigener und fremder Gruppe, das Recht des Stärkeren und ein „parasitäres Mehrhabenwollen“. Gerade diese widersprüchliche Mischung bringt auf der einen Seite Kunst, Wissenschaft und gesellschaftlichen Fortschritt, auf der anderen Seite aber auch Unterdrückung und Gewalt hervor.

Eine zentrale Rolle spielte deshalb die kulturelle Weiterentwicklung des Menschen. Menschenrechte und Freiheitsrechte seien keine biologischen Selbstverständlichkeiten. Sie seien kulturelle Errungenschaften, die gelernt, vermittelt und immer wieder verteidigt werden müssten. Gesellschaften seien dabei komplexe Systeme, deren Entwicklung sich nicht zuverlässig vorhersagen lasse.

Schon hier zeichnete sich die Leitfrage des Vortrags ab. Wenn der Mensch sowohl zur Kooperation als auch zu Machtstreben und Gewalt fähig ist, welche gesellschaftlichen Strukturen fördern dann welche Seite?

Kapitalismus, Macht und die Suche nach Alternativen

Der Referent beantwortete diese Frage mit einer ausgesprochen scharfen Kritik am gegenwärtigen Wirtschaftssystem. Ein weitgehend unregulierter Kapitalismus führe nach seiner Auffassung zwangsläufig zu wachsender Vermögens- und Machtkonzentration. Wirtschaftlicher Erfolg verstärke wirtschaftliche Macht, diese wiederum ermögliche politischen Einfluss. Am Ende könne ein Kreislauf entstehen, in dem sich wirtschaftliche und politische Macht gegenseitig absichern.

Seine Kritik richtete sich dabei ausdrücklich gegen die Vorstellung, der Markt könne gesellschaftliche Probleme weitgehend selbst regulieren. Privatisierung, Finanzialisierung und die zunehmende Konzentration von Vermögen seien für ihn keine zufälligen Fehlentwicklungen, sondern Folgen einer Wirtschaftsordnung, in der Wettbewerb und Gewinnstreben zentrale Steuerungsmechanismen darstellen.

Von dort führte der Vortrag zum Imperialismus. Machtkonzentration ende nicht an Staatsgrenzen. Wirtschaftlicher Wettbewerb könne in geopolitische Konkurrenz übergehen und diese schließlich in militärische Auseinandersetzungen. Der Referent zeichnete eine Linie vom wirtschaftlichen Konkurrenzkampf über Imperialismus bis zum Krieg. Dabei stand vor allem die Politik der USA und des Westens seit dem Zweiten Weltkrieg in der Kritik. Die gegenwärtigen Konflikte um Russland, die Ukraine und den Nahen Osten interpretierte der Referent als Teile einer Auseinandersetzung um eine sich verändernde Weltordnung.

Mehrere Aussagen waren bewusst zugespitzt. Der Referent sprach vom Niedergang eines Imperiums und von der Gefahr, dass dessen Abstieg mit weiterer militärischer Eskalation verbunden sein könnte. Europa sah er dabei nicht als eigenständigen Friedensakteur, sondern zunehmend in eine Politik der „Kriegstüchtigkeit“ eingebunden.

Das waren Thesen des Referenten, keine gemeinsam festgestellten Ergebnisse der Veranstaltung. Gerade diese Unterscheidung erwies sich für die anschließende Diskussion als wichtig.

Ausgerechnet der Sozialismus sorgte für Streit

Besonders kontrovers wurde es, als der Referent den Sozialismus als gescheiterte Alternative zum Kapitalismus behandelte. Als ehemaliger DDR-Bürger verband er seine politische Analyse mit persönlichen Erfahrungen. Er widersprach einer ausschließlich negativen Betrachtung des Lebens in der DDR, verschwieg aber zugleich deren autoritäre Fehlentwicklungen nicht. Der „real existierende Sozialismus“ habe den Systemwettbewerb verloren. Dennoch seien beispielsweise im Bildungs- und Gesundheitswesen, bei sozialer Absicherung und bei der Gleichstellung von Frauen Entwicklungen entstanden, über deren Bewertung auch heute diskutiert werden könne.

Es wurde dem Referenten entgegengehalten, dass wir längst wieder „im Sozialismus“ lebten. Daraus entwickelte sich eine Diskussion darüber, was mit diesem Begriff überhaupt gemeint ist. Reicht eine hohe Staatsquote aus, um von Sozialismus zu sprechen? Ist staatliche Umverteilung bereits Sozialismus? Oder ist eine hohe Staatsquote ebenso Bestandteil eines kapitalistischen Systems sein?

Die unterschiedlichen Auffassungen wurden schließlich gegenübergestellt. Nach der einen Definition könne eine staatliche Umverteilung von mehr als der Hälfte der Wirtschaftsleistung bereits als sozialistisches Element verstanden werden. Nach der Gegenposition sei gerade diese Umverteilung möglicherweise eine Folge des bestehenden Kapitalismus.

Damit wurde zugleich ein Problem politischer Debatten sichtbar. „Sozialismus“ kann zum Reizwort werden, das eine Diskussion beendet, bevor sie überhaupt begonnen hat. Darauf wurde ausdrücklich hingewiesen. Statt über konkrete Strukturen, Eigentumsverhältnisse, soziale Sicherung und politische Macht zu sprechen, droht dann ein Streit über ein „Etikett“.

Der Vortrag selbst hatte diese Ost-West-Differenz ebenfalls thematisiert. Jahrzehnte unterschiedlicher Gesellschaftssysteme hätten unterschiedliche Erfahrungen und politische Prägungen hinterlassen. Diese wirkten nach Ansicht des Referenten bis heute fort.

Reicht es, die Welt zu verstehen?

Gegen Ende rückte eine andere Frage stärker in den Mittelpunkt. Wenn gesellschaftliche Fehlentwicklungen erkannt werden, was folgt daraus?

Der Referent setzte stark auf Bildung, Selbststudium und das Erkennen größerer Zusammenhänge. Menschen müssten lernen, manipulative Mechanismen zu erkennen und kulturelle Fehlentwicklungen zu korrigieren. Gerade angesichts von Propaganda und „kognitiver Kriegsführung“ sei die Fähigkeit zum selbständigen Denken von entscheidender Bedeutung.

In der Diskussion wurde dieser Ansatz jedoch deutlich hinterfragt. „Lernen – lernen – lernen“ reiche nicht aus, wenn Erkenntnisse folgenlos blieben. Selbstweiterbildung in der eigenen Kammer verändere ebenso wenig wie ein Diskussionszirkel, aus dem keine politische Handlung entstehe. Als konkrete Aufgabe wurde deshalb die Verteidigung der Werte des Grundgesetzes genannt.

Damit bekam die Veranstaltung eine interessante, neue Richtung. Aus der zunächst theoretischen Betrachtung kultureller Evolution entstand eine ausgesprochen praktische Frage. Wie wird aus Erkenntnis politisches Handeln?

Noch grundsätzlicher wurde es beim Menschenbild. Der Referent hatte seine Analyse darauf aufgebaut, dass bestimmte problematische Verhaltensweisen tief im Menschen angelegt seien. In der Diskussion wurde daraufhin gefragt, ob Bildung tatsächlich zu einem „besseren Menschen“ führen könne. Ebenso wurde die These aufgeworfen, dass nicht nur einzelne Eliten das System prägen, sondern Eliten ihrerseits durch bestehende Systeme hervorgebracht und erzogen werden. Schließlich stand sogar die Frage im Raum, ob Menschen tatsächlich nicht lernfähig seien oder vielleicht schlicht nicht lernen wollten.

Die Schlussfolgerung

Kapitalismus oder Sozialismus erweisen sich als zu unklare Begriffe, wenn nicht zuvor geklärt wird, was eigentlich gemeint ist. Ebenso blieb offen, wie viel gesellschaftliche Regulierung notwendig ist, ohne neue Machtkonzentrationen hervorzubringen. Auch die Vorstellung, Bildung allein könne gesellschaftliche Fehlentwicklungen überwinden, wurde in der Diskussion nicht von allen geteilt.

Der Vortrag endete mit einem Appell, stärker in Zusammenhängen zu denken. Die Diskussion ergänzte diesen Gedanken um einen wichtigen Punkt. Erkenntnis allein verändert noch keine Gesellschaft. Irgendwann muss aus einer Analyse auch Handeln werden.

 

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