Finnland und PISA: Erfolg durch Vertrauen statt Kontrolle?

Was Deutschland vom früheren PISA-Musterland lernen kann

Gastbeitrag von Werner Haser

Finnland galt nach den ersten PISA-Studien als Bildungswunderland. Während Deutschland nach PISA 2000 über Standards, Schulstrukturen und zusätzliche Kontrollen diskutierte, fiel am finnischen Modell etwas anderes auf: Seine hervorragenden Ergebnisse entstanden nicht durch besonders enge staatliche Detailsteuerung. Kennzeichnend war vielmehr eine Verbindung aus gemeinsamen Bildungszielen, langer gemeinsamer Schulzeit, gut ausgebildeten Lehrkräften, vergleichsweise geringer äußerer Kontrolle und beträchtlicher pädagogischer Autonomie. 1

Eine einfache Erklärung für den finnischen Erfolg gibt es allerdings nicht. Weder eine einzelne Unterrichtsmethode noch „freies Lernen“ kann als Ursache der hohen PISA-Werte gelten.

Erfolgreich war vielmehr ein Gesamtsystem: geringe frühe Selektion, wenig Klassenwiederholung, frühzeitige Unterstützung bei Lernproblemen, relativ geringe Unterschiede zwischen Schulen und eine hohe professionelle Verantwortung der Lehrkräfte. Gerade dieses Zusammenspiel macht Finnland für die deutsche Schuldebatte interessant.

PISA-Studie 2026 –Schule braucht Vertrauen

Der Staat setzt Ziele – aber nicht jeden Lernweg

Finnland ist keineswegs ein Beispiel für einen schwachen Staat. Ein nationaler Kernlehrplan legt Ziele, Fächer, grundlegende Inhalte und überfachliche Kompetenzen fest. Kommunen und Schulen konkretisieren diesen Rahmen. Staatliche Verantwortung ist also vorhanden – sie konzentriert sich jedoch stärker auf Ziele und Rahmenbedingungen als auf die detaillierte Vorschrift einzelner Unterrichtsmethoden. 2

Die Lehrkräfte verfügen über erhebliche Freiheit bei der Wahl ihrer Methoden und Lernmaterialien. Bei PISA 2022 besuchten 84 Prozent der finnischen 15-Jährigen Schulen, in denen die Lehrkräfte hauptsächlich über die verwendeten Lernmaterialien entschieden. Das lässt sich auf eine einfache Formel bringen: verbindliche Ziele, aber Freiheit der Wege. Pädagogische Entscheidungen werden in erheblichem Umfang den professionell ausgebildeten Lehrkräften anvertraut. 3

Damit unterscheidet sich das finnische Verständnis von Autonomie sowohl von völliger Beliebigkeit als auch von einer Schule, in der zentrale Stellen möglichst genau festlegen, wie gelernt und unterrichtet werden soll. Freiheit wird mit professioneller Verantwortung verbunden. Gerade deshalb besitzt die Qualität der Lehrerausbildung eine Schlüsselstellung.

Selbstständiges Lernen – aber nicht ohne Lehrer

Auch die häufige Vorstellung, finnische Schülerinnen und Schüler lernten weitgehend ohne Unterricht, trifft nicht zu. Finnland kennt Fächer, Lehrkräfte, verbindliche Lernziele und Leistungsbeurteilungen. Gleichzeitig versteht der nationale Lehrplan Lernen ausdrücklich als aktive Tätigkeit. Schülerinnen und Schüler sollen Ziele setzen, Probleme lösen, ihr Lernen reflektieren und zunehmend Verantwortung dafür übernehmen. Schulen führen außerdem fächerübergreifende Lernmodule durch, an deren Planung die Lernenden beteiligt werden sollen. 4

Selbstständigkeit bedeutet also nicht, Kinder sich selbst zu überlassen. Die Lehrkraft bleibt für Erklärung, Anleitung, Diagnose, Rückmeldung und Unterstützung verantwortlich. Bereits in den ersten Schuljahren soll Beratung dazu beitragen, dass Kinder schrittweise mehr Verantwortung für ihre schulische Arbeit übernehmen. 5

Damit wird ein Gegensatz überwunden, der die deutsche Bildungsdiskussion häufig prägt: Lehrersteuerung oder selbstständiges Lernen. Beides kann zusammengehören. Anfänger benötigen häufig mehr Struktur, Erklärung und Übung; mit wachsendem Wissen und zunehmender Selbstregulationsfähigkeit können Lernende mehr Entscheidungen selbst übernehmen. Eine treffende Leitidee lautet deshalb: so viel Selbstständigkeit wie möglich – so viel Anleitung wie nötig.

Leistung ohne permanentes Testen

Bemerkenswert ist auch die Leistungsbewertung. In der finnischen Grundbildung gibt es keine nationalen standardisierten Tests, denen alle Schülerinnen und Schüler regelmäßig unterzogen werden. Die Leistungsbeurteilung liegt überwiegend bei den Lehrkräften; Selbst- und Peer-Bewertung gehören ebenfalls zum vorgesehenen Instrumentarium. Das bedeutet nicht, dass Leistung unwichtig wäre. Finnische Schülerinnen und Schüler erhalten Bewertungen und später auch Ziffernnoten. Der Unterschied liegt vielmehr darin, dass Leistungsfeststellung stärker in die tägliche pädagogische Arbeit eingebettet bleibt. 6

Qualitätssicherung verschwindet damit nicht. Das System wird auch auf nationaler Ebene evaluiert, aber die Kontrolle des Gesamtsystems ist nicht mit einer permanenten standardisierten Prüfung jedes einzelnen Kindes gleichzusetzen. Das finnische Beispiel stellt daher die Frage, ob Bildungsqualität vor allem durch immer engmaschigere Kontrolle entsteht – oder auch durch gute Ausbildung, Vertrauen und professionelle Verantwortung gesichert werden kann.

Gemeinsames Lernen statt früher Aussortierung

Ein weiterer wichtiger Unterschied liegt in der Schulstruktur. Finnische Kinder lernen lange gemeinsam. Die frühe Aufteilung auf unterschiedliche weiterführende Schulformen, wie sie Deutschland traditionell kennt, spielt dort keine vergleichbare Rolle. Unterschiedliche Lernvoraussetzungen sollen zunächst innerhalb der gemeinsamen Schule aufgefangen werden.

Auch Klassenwiederholungen sind selten. Bei PISA 2022 gaben nur rund 3 % der finnischen Schülerinnen und Schüler an, mindestens einmal eine Klasse wiederholt zu haben; im OECD-Durchschnitt waren es 9 %. Hinter diesen Zahlen steht eine pädagogische Grundentscheidung:  Schwierigkeiten sollen möglichst durch Unterstützung bearbeitet werden, statt Lernende früh auszusortieren oder zurückzustufen. 7

Finnland ist heute kein ungebrochenes PISA-Wunderland

Eine seriöse Betrachtung darf allerdings nicht bei den Erfolgen der frühen 2000er-Jahre stehen bleiben. Finnlands PISA-Leistungen sind deutlich zurückgegangen. 2022 lagen die Ergebnisse in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften unter den früheren finnischen PISA-Werten, wenn auch weiterhin über dem OECD‑Durchschnitt. Das frühere Erfolgsmodell steht also selbst vor neuen Herausforderungen. 8

Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, selbstständiges Lernen oder Lehrerautonomie hätten den Rückgang verursacht. PISA ist keine Versuchsanordnung, mit der sich eine einzelne Unterrichtsform als Ursache isolieren ließe. Ebenso wenig beweisen die früheren Spitzenwerte, dass Selbstständigkeit allein die Ursache des Erfolgs war. Finnland ist deshalb kein Beweis für eine bestimmte Methode – aber ein starkes Gegenbeispiel gegen die Behauptung, hohe Leistungen seien nur mit früher Selektion, häufigen Tests und enger pädagogischer Detailkontrolle möglich.

Finnland reagiert inzwischen selbst auf veränderte Anforderungen. 2026 wurde eine Reform auf den Weg gebracht, mit der Lernziele, Inhalte und Bewertungskriterien national klarer und einheitlicher gefasst werden sollen. Das zeigt: Vertrauen und Autonomie schließen verbindliche Standards und eine Überprüfung des Systems nicht aus. 9

Was Deutschland daraus lernen könnte

Die vielleicht wichtigste finnische Lehre betrifft deshalb die Verteilung von Verantwortung. Der Staat muss für gemeinsame Bildungsziele, ausreichende Ressourcen und Chancengerechtigkeit sorgen. Das war schon einmal als Ziel in den Siebzigern und Achtzigern in Hamburg angestrebt worden, durch Einrichtung von Gesamtschulen. Die Lehrkräfte benötigen eine wissenschaftlich fundierte Ausbildung und professionelle Freiheit, um geeignete Lernwege auswählen zu können. Schülerinnen und Schüler wiederum sollten nicht dauerhaft Objekte des Unterrichts bleiben, sondern schrittweise lernen, Verantwortung für den eigenen Lernprozess zu übernehmen.

Eine solche Schule wäre weder eine staatlich durchreglementierte Unterrichtsanstalt noch ein Ort, an dem Kinder ohne Orientierung lernen sollen. Sie würde Freiheit und Struktur miteinander verbinden: klare Ziele, professionelle Lernbegleitung, gezielte Unterstützung durch Coaching statt Unterweisung und wachsende Selbstständigkeit und Eigenverantwortung des Lernenden.

Gerade für die Idee einer „Schule der Mündigkeit“ ist dies bedeutsam. Wenn Schule Selbstständigkeit, Verantwortungsfähigkeit und Urteilsvermögen als Bildungsziele nennt, muss sie jungen Menschen auch Gelegenheit geben, diese Fähigkeiten im täglichen Lernen einzuüben. Mündigkeit entsteht nicht erst am letzten Schultag.

Finnland zeigt damit vor allem eine entscheidende Alternative. Sie lautet nicht Staat oder Freiheit, Lehrer oder Schüler, Leistung oder Selbstbestimmung. Ein leistungsfähiges Bildungssystem kann gemeinsame Ziele mit pädagogischer Autonomie verbinden. Der Staat sichert den Rahmen, die Lehrkraft trägt professionelle Verantwortung und der Lernende übernimmt mit zunehmender Kompetenz mehr Verantwortung für sich selbst.

Klare Ziele – Freiheit der Lernwege – Unterstützung statt früher Aussortierung – Selbstständigkeit mit professioneller Begleitung.

Anhang: Nicht die Kinder versagen – unser Schulsystem steht auf dem Prüfstand
Quellenangaben:
  1. Vgl. Finnish National Agency for Education (EDUFI), Informationen zum finnischen Bildungssystem und zum National Core Curriculum for Basic Education. ↩︎
  2. 2. Vgl. EDUFI, „National core curriculum for primary and lower secondary (basic) education“. ↩︎
  3. OECD (2023), „PISA 2022 Results – Country Note: Finland“: 84 % der Schülerinnen und Schüler besuchten Schulen, in denen Lehrkräfte hauptsächlich für die Auswahl der Lernmaterialien verantwortlich waren. ↩︎
  4. Vgl. EDUFI, „National core curriculum for primary and lower secondary (basic) education“: aktive Rolle der Lernenden und multidisziplinäre Lernmodule. ↩︎
  5. Vgl. EDUFI, „Guidance and counselling in basic education“: schrittweise Übernahme von Verantwortung für Schularbeit und Aufgaben. ↩︎
  6. Vgl. EDUFI, „Basic information about primary and lower secondary education“: keine nationalen Tests in der Grundbildung; formative und summative Bewertung sowie Selbst- und Peer-Bewertung. ↩︎
  7. OECD (2023), „PISA 2022 Results – Country Note: Finland“: 3 % Klassenwiederholung in Finnland gegenüber 9 % im OECD-Durchschnitt. ↩︎
  8. OECD (2023), „PISA 2022 Results – Country Note: Finland“: 2022 niedrigere finnische Durchschnittsleistungen als in früheren PISA-Erhebungen, weiterhin über dem OECD-Durchschnitt. ↩︎
  9. Finnish National Agency for Education, 26.08.2026, „Osaamistakuu: Esi- ja perusopetuksen opetussuunnitelmien perusteiden uudistaminen on alkanut“. ↩︎
 

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