Gastbeitrag von Helmut M.
Warum die GKV-Beiträge explodieren und wer wirklich profitiert
Eine einfache Orthopädie-Rechnung mit „Wasserbett plus Rückenmassage“ entpuppt sich als Styroporklotz für 10 × 10 Euro. Ein Zahnarzt rechnet über eine Stunde Wartezeit als Behandlungszeit ab und reagiert gereizt, als der Patient nachfragt.
Solche Geschichten aus der Praxis berichtete ein Pensionär in einer internen Diskussionsrunde. Schnell wird klar: Das Problem geht weit über Einzelfälle hinaus. Es geht um dubiose Abrechnungspraktiken, fehlende Patientenkontrolle und die Frage, warum gesellschaftspolitische Leistungen aus Beiträgen statt aus Steuern finanziert werden. Besonders brisant ist die Feststellung, dass die Folgekosten der Deutschen Einheit die Beitragszahler doppelt belasten.
Kreative Buchführung in Praxen
Bei Privatpatienten ist es besonders einfach, „Blödsinn abzurechnen“, wie eine Krankenkassen-Mitarbeiterin offen zugab. Der Stundensatz des Arztes muss irgendwie erreicht werden. Büroleistungen dürfen nicht direkt berechnet werden, also wird der Styroporklotz zum „Wasserbett mit Rückenmassage“. Bei Kassenpatienten funktionieren Pauschalen (EBM) ähnlich. Die Krankenkassen zahlen pauschal und Ärzte müssen kreativ werden, um ihren Aufwand zu decken. Patienten können das oft nicht beurteilen. Vertrauen allein reicht vielen nicht mehr aus. „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, lautet der klassische Einwand. Doch genau hier haperte es.

Warum die GKV auf automatische Transparenz verzichtet
Gesetzlich haben Kassenpatienten nach § 305 SGB V Anspruch auf eine Patientenquittung, aber nur auf Antrag und oft gegen Gebühr. Eine automatische vierteljährliche Zusendung an alle Versicherten gibt es nicht. Der Autor fordert genau das. Die Krankenkassen sollen Patienten regelmäßig die abgerechneten Leistungen zuschicken und Fehler melden lassen. Mehr Prüfer bei den Kassen könnten Fehlabrechnungen aufdecken. Der Aufwand würde sich schnell amortisieren, weil überhöhte oder falsche Rechnungen sinken. Bislang scheint ein solches System jedoch nicht gewollt zu sein, und dies, obwohl gerade bei Zahnärzten schon vor Jahren der STERN über einen „Goldverbrauch“ berichtete, der physikalisch kaum möglich war.
Gesellschaftspolitik aus Beitragsgeldern
Ein großer Kostentreiber sind die sogenannten versicherungsfremden Leistungen. Dazu gehören die beitragsfreie Familienversicherung von Kindern und Ehepartnern, Mutterschafts- und Schwangerschaftsleistungen oder Präventionskurse. Laut einer Studie des IGES-Instituts – gefördert vom IMK der Hans-Böckler-Stiftung – machten die versicherungsfremden Leistungen 2024 rund 18 Prozent der GKV-Ausgaben aus. Das sind etwa 58 Milliarden Euro. Der Bund zahlt dafür nur pauschal 14,5 Milliarden Euro Zuschuss. Der Rest kommt aus den Beiträgen der Versicherten. Im Januar 2026 forderte der Bundesrat eine vollständige Steuerfinanzierung dieser gesellschaftspolitischen Aufgaben. Bislang bleibt die Belastung bei den Arbeitnehmern und Rentnern hängen.
Die unsichtbare Doppelbelastung der Deutschen Einheit
Die Diskussion führte zurück zur Wende 1990/91. Ostdeutsche Sozialkassen waren nach niedrigen DDR-Beiträgen, Staatspleite und Wende-Chaos leer. Westkassen mussten sofort Lücken stopfen, und zwar noch bevor der Solidaritätszuschlag voll wirkte. Der Solidaritätszuschlag floss in den Bundeshaushalt und nicht direkt in die Kassen. Trotzdem zahlten West-Arbeitnehmer doppelt, nämlich über den Solidaritätszuschlag und über höhere Beiträge zu Renten- und Krankenkassen. Die Rentenangleichung Ost-West ist seit 1. Januar 2025 abgeschlossen, der Solidaritätszuschlag aber läuft weiter. Eine echte Entlastung der Beitragszahler blieb aus.
Die wahren Gewinner der Wende sind Westbanken und Milliarden-Altkredite
Während die arbeitende Bevölkerung belastet wurde, profitierten westdeutsche Banken massiv. Der Bundesrechnungshof kritisierte in einem lang geheim gehaltenen Bericht, dass Institute wie DG-Bank, Berliner Bank oder WestLB DDR-Banken zu Spottpreisen übernahmen und gleichzeitig Milliarden an Altkrediten gratis erhielten. Das Ergebnis ist, dass sechs Banken rund 900 Mio. DM Kaufpreis zahlten und später Gewinne von über 43 Milliarden DM einstrichen. Die Treuhand und das Bundesfinanzministerium ließen sich übervorteilen, und das auf Kosten der Steuerzahler.
Die ärztliche Versorgung von Flüchtlingen
Für die ärztliche Versorgung von Flüchtlingen im Jahr 2022 haben die GKV 690 Mill. Euro gezahlt, so die Aussage des Hauptgeschäftsführers Gerd Landsberg vom Deutschen Städte- und Gemeindebund gegenüber der „Bild“-Zeitung. Dies entspreche „knapp über zehn Prozent der Gesamtausgaben nach dem Asylbewerber-Leistungsgesetz von 6,5 Milliarden Euro“, fügte er hinzu. Diese Kosten müssen aus der Staatskasse finanziert werden!
Fazit
Die Diskussion zeigt ein System, in dem Transparenz fehlt, gesellschaftspolitische Aufgaben heimlich aus Beiträgen finanziert werden und die Erblast der Einheit bis heute bei den Beitragszahlern liegt, während Banken und kreative Abrechner profitierten. Automatische Patientenquittungen, echte Steuerfinanzierung versicherungsfremder Leistungen und eine unabhängige Prüfung der Abrechnungen wären kein Luxus, sondern notwendige Kontrolle. Vertrauen ist gut, aber ohne Kontrolle wird es teuer.
Quellen
IGES-Institut / IMK der Hans-Böckler-Stiftung: Studie zu versicherungsfremden Leistungen in der GKV (Dezember 2025) – https://www.boeckler.de/de/boeckler-impuls-hoherer-bundeszuschuss-sinnvoll-73349.htm
Bundesgesundheitsministerium: Patientenquittung nach § 305 SGB V – https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/praevention/patientenrechte/patientenquittung
Bundesrechnungshof-Bericht zur Abwicklung von Altkrediten und Übernahme ehemaliger DDR-Kreditinstitute (veröffentlicht über FragDenStaat) – https://fragdenstaat.de/dokumente/237030-bericht-ueber-die-abwicklung-von-altkrediten-der-ehemaligen-ddr-und-die-uebernahme-von-geschaeften-ehemaliger-ddr-kreditinstitute-durch-andere-geschaeftsbanken/
Bundesrat-Entschließung zur vollständigen Steuerfinanzierung versicherungsfremder Leistungen (30. Januar 2026) – https://www.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse/pressemitteilung/pid/versicherungsfremde-leistungen-aus-bundessteuermitteln-finanzieren
Wie hoch sind die Gesundheitskosten für Flüchtlinge?, Markus Brauer/AFP/dpa, 29.09.2023 – https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.migration-wie-hoch-sind-die-gesundheitskosten-fuer-asylbewerber.7938c7b7-ec07-4978-bbd1-130dc7f4c890.html