Gastbeitrag von Heinrich Wolerts
Teil I: Warum Wettbewerb mehr ist als ein ökonomisches Prinzip
Eine Entwicklung, die wir kaum bemerkt haben
Viele Menschen verbinden Marktwirtschaft mit Wettbewerb. Sie denken an Unternehmen, die um Kunden konkurrieren, bessere Produkte entwickeln und versuchen, günstiger oder innovativer zu sein als ihre Konkurrenten. Genau dieser Wettbewerb gilt seit Jahrzehnten als Motor unseres Wohlstands. Er sorgt dafür, dass neue Ideen entstehen, Preise unter Druck geraten und kein Unternehmen seine Macht dauerhaft ausnutzen kann.
Doch was geschieht, wenn sich die Spielregeln langsam verändern? Was passiert, wenn wirtschaftlicher Erfolg nicht mehr nur aus besseren Produkten entsteht, sondern zunehmend aus der schieren Größe eines Unternehmens? Wenn Kapital weiteres Kapital anzieht, Daten immer mehr Daten erzeugen und technologische Überlegenheit neue technologische Überlegenheit hervorbringt? Und wenn diese Entwicklung schließlich nicht mehr nur die Wirtschaft verändert, sondern auch Politik, Medien und die öffentliche Meinungsbildung beeinflusst?
Genau diese Fragen werden heute erstaunlich selten gestellt. Stattdessen diskutieren wir über einzelne Unternehmen, über künstliche Intelligenz, über soziale Medien oder über den Einfluss großer Vermögen. Vielleicht übersehen wir dabei, dass all diese Entwicklungen Ausdruck eines tieferliegenden Strukturwandels sind.
Dieser Essay vertritt deshalb eine einfache These: Die größte Veränderung unserer Zeit besteht möglicherweise nicht in der künstlichen Intelligenz. Sie besteht darin, dass sich wirtschaftliche Macht heute anders entwickelt als in den vergangenen Jahrzehnten. Wettbewerb begrenzt Macht immer weniger, während Macht immer häufiger neuen wirtschaftlichen Erfolg hervorbringt.
Ob daraus tatsächlich eine neue Form der Machtökonomie entsteht, ist keine ideologische, sondern eine ordnungspolitische Frage.
Was ist eigentlich ein Oligopol?
Wenn von wirtschaftlicher Macht gesprochen wird, fällt meist zuerst das Wort Monopol. Ein Monopol liegt vor, wenn ein einziges Unternehmen einen Markt vollständig beherrscht. Ohne ernsthafte Konkurrenz kann es Preise diktieren, Bedingungen festlegen und Innovationen sogar bremsen. Deshalb gehören Monopole seit über hundert Jahren zu den klassischen Gegnern einer freien Marktwirtschaft.
Die meisten modernen Märkte funktionieren jedoch anders. Häufig teilen sich einige wenige große Unternehmen den Markt. Ökonomen sprechen dann von einem Oligopol. Das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Herrschaft weniger“.
Ein Oligopol ist zunächst weder gut noch schlecht. Im Gegenteil, viele hochentwickelte Industrien lassen sich gar nicht anders organisieren. Der Bau moderner Verkehrsflugzeuge, die Entwicklung neuer Medikamente, die Herstellung von Halbleitern oder der Aufbau weltweiter Kommunikationsnetze erfordern Investitionen in Milliardenhöhe. Es wäre weder realistisch noch wirtschaftlich sinnvoll, wenn Hunderte kleiner Unternehmen parallel dieselben Fabriken, Forschungseinrichtungen oder Infrastrukturen aufbauen würden.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie viele Unternehmen es in einem Markt gibt. Entscheidend ist, ob zwischen ihnen echter Wettbewerb besteht.
Wann funktioniert ein Oligopol?
Ein funktionsfähiges Oligopol zeichnet sich dadurch aus, dass die großen Unternehmen trotz ihrer Größe ständig miteinander konkurrieren. Sie investieren in Forschung, verbessern ihre Produkte, entwickeln neue Technologien und versuchen, Marktanteile zu gewinnen. Wer innovativer arbeitet, wird erfolgreicher. Wer sich auf seiner Marktstellung ausruht, verliert langfristig an Bedeutung.
Größe allein garantiert also keinen dauerhaften Erfolg. Wettbewerb diszipliniert auch die Marktführer. Genau diese Einsicht bildet einen der wichtigsten Grundgedanken der Sozialen Marktwirtschaft. Ihr Ziel war nie, große Unternehmen zu verhindern. Vielmehr sollte verhindert werden, dass wirtschaftliche Macht dauerhaft unangreifbar wird.
Nach den Erfahrungen mit den großen Industriekonzernen und Kartellen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelten deutsche Ordoliberale wie Walter Eucken eine Ordnungsidee, die bis heute bemerkenswert modern wirkt. Der Staat sollte nicht selbst die Wirtschaft lenken. Seine wichtigste Aufgabe bestand vielmehr darin, dafür zu sorgen, dass Wettbewerb überhaupt stattfinden konnte.
Wettbewerb war aus dieser Sicht kein Selbstzweck. Er war das wirksamste Mittel, um Macht zu begrenzen. Dieser Gedanke wirkt auf den ersten Blick selbstverständlich. Tatsächlich gehört er zu den bedeutendsten politischen Ideen der Nachkriegszeit. Denn eine Gesellschaft bleibt nur dann dauerhaft frei, wenn Macht immer wieder infrage gestellt werden kann. In der Demokratie geschieht das durch Wahlen. In der Wirtschaft geschieht es durch Wettbewerb.

Der stille Wandel
Über viele Jahrzehnte hat dieses Modell erstaunlich gut funktioniert. Natürlich entstanden große Konzerne. Manche Branchen wurden von wenigen Unternehmen geprägt. Dennoch blieb der Wettbewerb grundsätzlich erhalten. Neue Technologien konnten etablierte Marktführer verdrängen. Kleine Unternehmen konnten wachsen. Große Unternehmen konnten scheitern.
Heute beobachten wir jedoch eine Entwicklung, die sich von diesem historischen Muster unterscheidet.
In immer mehr Bereichen scheint Größe selbst zu einem Wettbewerbsvorteil zu werden. Nicht nur, weil große Unternehmen mehr Kapital besitzen, sondern weil sich verschiedene Formen von Macht gegenseitig verstärken. Daten verbessern künstliche Intelligenz. Künstliche Intelligenz erhöht die Produktivität. Höhere Gewinne ermöglichen neue Investitionen. Neue Investitionen schaffen noch größere technologische Vorteile. Aus wirtschaftlichem Erfolg entsteht so ein Kreislauf, der sich immer schneller selbst verstärkt.
Damit verändert sich die Logik des Wettbewerbs.
Früher begrenzte Wettbewerb wirtschaftliche Macht. Heute beginnt wirtschaftliche Macht, den Wettbewerb selbst zu verändern. Ob wir bereits an einem historischen Wendepunkt stehen, lässt sich heute noch nicht sicher beantworten. Sicher ist jedoch, dass wir diese Entwicklung verstehen müssen. Denn wenn sich die Regeln des Wettbewerbs ändern, verändern sich langfristig auch die Regeln unserer Gesellschaft.
Im Teil II geht es deshalb um die Kräfte, die diesen Wandel antreiben: Digitalisierung, Netzwerkeffekte, Kapitalmärkte und die künstliche Intelligenz. Erst ihr Zusammenspiel macht verständlich, warum wirtschaftliche Macht heute schneller wächst als jemals zuvor.
Fortsetzung folgt
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