Gastbeitrag von Peter Scheller
Warum gehorchen wir?
Ein Artikel, der derzeit geteilt wird, beschreibt ein bekanntes psychologisches und soziales Phänomen. Menschen neigen unter Druck dazu, Verantwortung „nach oben“ abzugeben. Angst, Gruppendruck und das Bedürfnis nach Sicherheit können dazu führen, dass wir lieber folgen, als selbst zu prüfen und zu widersprechen.
Selbst wenn man über einzelne Formulierungen oder Schlussfolgerungen des Artikels streiten kann bleibt die Grundfrage richtig. Wenn Gehorsam nicht nur in Diktaturen entsteht, sondern als menschliches Muster auch in freien Gesellschaften, dann reicht es nicht, nur die beiden Etiketten zu vergleichen. Entscheidend ist, welche Ordnung es schwer macht, Angst in blinden Gehorsam zu verwandeln.
Demokratie oder Diktatur als einzige Pole?
Die politische Debatte ist oft nur zweipolig: entweder die Demokratie in irgendeiner Form oder eine autoritäre Herrschaft. Diese Gegenüberstellung ist praktisch, aber zu grob. Denn „Demokratie“ kann sehr Unterschiedliches bedeuten und reicht von einer präsidialen Demokratie bis zur direkten Mitbestimmung. Auch Diktaturen erscheinen in unterschiedlichem Gewand und reichen von offenem Terror bis zu subtiler Lenkung durch Kontrolle von Informationen.
Vielleicht ist der eigentliche Denkfehler schon der Ausgangspunkt. Nicht die Frage „Demokratie oder Diktatur?“ ist zuerst entscheidend, sondern wie konzentriert die Macht verteilt ist. Dann stellt sich die Frage, wie sich Macht begrenzen, kontrollieren und korrigieren lässt. Eine Gesellschaft kann Wahlen haben und dennoch durch Abhängigkeiten, Angsterzeugung oder Diskursverengung in Richtung eines autoritären politischen Systems kippen. Umgekehrt kann eine Gesellschaft ohne starke Zentralregierung geordnet sein, enthält allerdings auch eigenen Risiken.
Selbstorganisation als dritter Raum
Wenn man nach Gesellschaftsformen jenseits bekannter Schubladen sucht, landet man schnell bei Ideen, die weniger vom Staat als vom Zusammenwirken freier Menschen ausgehen. In der politischen Philosophie wird das als „philosophischer Anarchismus“ bezeichnet. Diese Denkrichtung ist geprägt von der Skepsis gegenüber der moralischen Selbstverständlichkeit staatlicher Befehlsgewalt und stellt die Frage, ob und wann Autorität überhaupt legitim ist.
Das ist nicht automatisch ein Aufruf zur Unordnung. Es stellt sich eher die Frage: Welche Regeln und Institutionen brauchen wir wirklich und welche dienen dazu, die Macht weniger abzusichern?
Es ist bei schwachen Staatsgebilden aber auch Folgendes zu beobachten: Wo kein starkes Zentrum ist, entstehen oft andere Zentren. Historische und aktuelle Beispiele zeigen, dass in staatlich schwachen Räumen Gewohnheitsrecht und Schlichtungssysteme wichtige Funktionen übernehmen können. Somalia zeigt, dass Machtverhältnisse ohne eigentliche Staatsgewalt bei Clans und einzelnen Gruppen liegen, ohne freiheitlich zu sein.
Vielzentrische Ordnung
Eine besonders fruchtbare Idee für moderne, komplexe Gesellschaften ist die Vorstellung einer vielzentrischen Ordnung. Entscheidungen werden nicht in einem einzigen Machtzentrum gebündelt, sondern auf viele Ebenen und Orte verteilt. Dazu bedarf es klarer Regeln, gegenseitiger Kontrolle und der Möglichkeit, Fehler zu korrigieren. Elinor Ostroms Arbeiten zu gemeinschaftlicher Ressourcennutzung widersprechen ausdrücklich der Vorstellung, es gebe nur „Staat oder Markt“.
Das bedeutet in Deutschland: Nicht alles muss „bundesweit“ entschieden werden, nicht alles gehört in Ministerien und nicht alles in Parteiapparate. Vieles kann näher an den Betroffenen, transparenter und weniger anfällig für Machtmissbrauch organisiert werden.
Kreisorganisation, Zustimmungsprinzip und Losverfahren
In der Soziokratie etwa nicht das Prinzip der „Diktatur der 51 % über die 49 %“, sondern nach dem Zustimmungsprinzip. Ein Vorschlag gilt als angenommen, wenn es keinen schwerwiegenden, begründeten Einwand mehr gibt, der das gemeinsame Ziel gefährdet. Das zwingt Gruppen, Einwände ernst zu nehmen, statt sie zu überstimmen.
Ein zweiter Baustein ist das Losverfahren. Das ist eine Möglichkeit, Bürgergremien so zusammenzustellen, dass sie die Gesellschaft besser abbilden und weniger parteipolitisch festgelegt sind. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat dazu seit Jahren seriöse Einordnungen veröffentlicht.
Expertokratie
„Expertokratie“-Modelle werden manchmal als Ausweg präsentiert. Entscheidungen sollen vorrangig von Fachleuten getroffen werden, teils sogar mit einer an „Wissen“ geknüpften Stimmengewichtung. Das klingt zunächst vernünftig, birgt aber ein großes politisches Risiko und wirft viele Fragen auf. Wer legt fest, was als „Wissen“ gilt, wer prüft die Prüfer, und wie verhindert man, dass Fachsprache und Gutachten zu einem Schutzschild gegen Kritik werden? Gerade deshalb kann Sachverstand in einer freien Gesellschaft nur Beratungsunterstützung, nicht aber Ersatz für politische Verantwortung und echte Mitwirkung sein.

Wie verhindern wir den Gehorsamsreflex?
Der Text über Gehorsam führt im Kern zu einer unbequemen Einsicht. Jede Ordnung – auch eine demokratische – kann in Krisen in Richtung Autoritarismus kippen, wenn Angst, moralischer Druck und soziale Sanktionen die Debatte bestimmen.
Eine Gesellschaft für Stabilität und innere Ruhe: eine Kombination von Schutzmechanismen wie Machtbegrenzung, Transparenz, wirksamer Kontrolle, eine Streitkultur, die Dissens nicht als Feindschaft behandelt, und Institutionen, die eine Korrektur ermöglichen, ohne dass dafür alles eskalieren muss.
Fazit
Dieser Beitrag stellt keine Denkrichtung, parteipolitische Linie oder Forderung dar. Es stellt nur einige Fragen:
- Gibt es etwas jenseits von Demokratie und Diktatur?
- Lassen wir uns nicht zwischen zwei gedanklichen Etiketten einsperren?
- Wie wollen wir Macht so verteilen, dass wir selbstbestimmt leben können?
Quelle
Freie Medienakademie – „Warum wir gehorchen“ – https://www.freie-medienakademie.de/medien-plus/warum-wir-gehorchen