Wer entscheidet eigentlich, welche Partei relevant ist?

Dieser Artikel basiert auf dem Gastbeitrag von Sven Lingreen, der am 24. August 2026 unter dem Titel „Wer hat die Neugier getötet? – Das Paradoxon der politischen Relevanz“ bei Vera Lengsfeld erschienen ist.

Warum bekommen manche Parteien große mediale Aufmerksamkeit, während andere kaum vorkommen? Politische Sichtbarkeit entsteht nicht von allein. Medien entscheiden mit, wer wahrgenommen wird und wer unter „Sonstige“ verschwindet. Gerade vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt lohnt deshalb ein Blick auf einen Mechanismus, der sich selbst verstärkt: Aufmerksamkeit schafft Bekanntheit. Bekanntheit schafft Relevanz. Und Relevanz sorgt für neue Aufmerksamkeit.

Welche Alternativen zur Brandmauer gibt es?

Seit Monaten wird in Deutschland und jetzt erst recht in Sachsen-Anhalt darüber diskutiert, welche Folgen eine Alleinregierung der AfD hätte. Flankiert wird diese Debatte von Berichten über ein mögliches AfD-Verbotsverfahren.

Weit weniger journalistische Aufmerksamkeit erhält dagegen eine andere Frage: Welche politischen Konstellationen könnten eine Alleinregierung verhindern, ohne erneut eine Brandmauer-Koalition zu erzwingen?

Vielleicht liegt das auch am Haltungsjournalismus, den man vielerorts antreffen muss. Die Brandmauer selbst und die politischen Fehler, die den Aufstieg der AfD erst ermöglicht haben, werden erstaunlich selten grundsätzlich hinterfragt. Noch weniger wird nach politischen Ideen gesucht, die den Landtag in Magdeburg aus den Schützengräben der Lager herausführen könnten.

Wenn in den Medien immer hektischer reagiert wird, weil die Werte der AfD steigen, stellt sich deshalb die Frage: Warum werden andere Möglichkeiten nicht ebenso intensiv untersucht?

Wer entscheidet, welche Partei relevant ist?

Wer gilt als politisch relevant?

Medien sortieren Parteien nach politischer „Relevanz“. Frühere Wahlergebnisse, Umfragen und Entwicklungen seit der letzten Wahl werden dafür zum Maßstab.

Ein Beispiel ist die MDR-Wahlarena. Vertreter von sieben Parteien wurden eingeladen. Bei der Landtagswahl 2021 lag dieBasis nach den Freien Wählern auf Platz acht und tritt deshalb bei dieser Wahl als Liste 8 an. Das BSW existierte damals noch gar nicht. Trotzdem wurde ihm inzwischen eine höhere Relevanz zugesprochen, obwohl es als Liste 15 auf dem Wahlzettel steht.

Möglich macht das die sogenannte „abgestufte Chancengleichheit“. Ein bemerkenswert widersprüchlicher Begriff. Denn wie gleich sind Chancen noch, wenn sie abgestuft werden?

Man stelle sich einen Wettlauf im Stadion vor. Einige Läufer stehen an der Startlinie. Andere müssen ein paar Meter dahinter beginnen. Nach dem Rennen wird ihr Rückstand dann als Begründung dafür genommen, warum sie beim nächsten Mal wieder weiter hinten starten.

Praktisch beißt sich die Katze in den Schwanz.

Wer als relevant gilt, bekommt Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit schafft Bekanntheit. Bekanntheit schafft wiederum Relevanz und verbessert Wahlchancen.

Wer dagegen als irrelevant aussortiert wird, bekommt weniger Öffentlichkeit. Genau diese geringe Sichtbarkeit dient anschließend wieder als Beweis seiner Irrelevanz.

Können Medien politische Relevanz erzeugen?

Wie schnell sich politische Relevanz verändern kann, zeigte Bremen 2023. Bürger in Wut hatte bei der Bürgerschaftswahl 2019 landesweit lediglich 2,4 Prozent erreicht. Noch Anfang März 2023 wurde die Partei in der veröffentlichten Sonntagsfrage von Infratest dimap nicht mit einem eigenen Prozentwert ausgewiesen. Im weiteren Verlauf des Wahlkampfes änderte sich das deutlich. Bei der Bürgerschaftswahl im Mai erreichte Bürger in Wut schließlich 9,4 Prozent und zehn Sitze.

Dabei gab es allerdings einen wichtigen Sondereffekt: Die AfD war 2023 nicht zur Bürgerschaftswahl zugelassen. Bürger in Wut profitierte davon. Das Beispiel belegt deshalb nicht, dass mediale Aufmerksamkeit allein Wahlerfolge erzeugt. Es zeigt aber, wie schnell sich die Wahrnehmung und Bewertung einer zuvor kleinen politischen Kraft verändern kann.

Aufmerksamkeit kann diesen Prozess verstärken. Eine Partei, über die berichtet wird, wird wahrgenommen. Sie taucht in Umfragen auf, wird diskutiert und von mehr Menschen überhaupt als politische Möglichkeit erkannt. Mediale Sichtbarkeit und politische Relevanz können sich so gegenseitig verstärken.

Hinzu kommt die Psychofalle der Fünf-Prozent-Hürde. Wähler hören immer wieder, ihre Stimme könne „verschenkt“ sein. Also beginnen manche taktisch zu wählen.

Damit geben Menschen ihre Stimme möglicherweise einer Partei, die eigentlich gar nicht ihre erste Wahl wäre. Würden sie stattdessen nach ihrer Überzeugung entscheiden, könnten gerade diese Stimmen einer bislang kleinen Partei politische Relevanz verschaffen.

Verrückt.

Wenn gleichzeitig vor einer möglichen AfD-Alleinregierung gewarnt wird, entsteht ein Widerspruch. Warum werden dann nicht ebenso intensiv jene Konstellationen untersucht und durchgerechnet, die genau diese Alleinregierung verhindern könnten?

Gibt es eine Perspektive jenseits der beiden Lager?

dieBasis hat für Sachsen-Anhalt einen anderen Politikansatz vorgestellt.

Sie will weder Teil einer Brandmauer-Koalition werden noch sich der AfD anschließen. Sie schließt Koalitionen aus und setzt stattdessen auf Kooperation in Sachfragen. Entscheidend soll der Inhalt eines Antrags sein und nicht, welche Partei ihn eingebracht hat.

Damit entsteht eine Perspektive für Wähler, die sich keinem der beiden politischen Lager zuordnen wollen und Kooperation und Vernunft für den besseren Weg halten.

Auch der Wille der vielen Wähler, die der AfD in aktuellen Umfragen hohe Zustimmungswerte geben, kann nicht einfach ignoriert werden. Genau darin liegt das Problem einer Brandmauer-Koalition. Parteien, die in vielen politischen Fragen weit auseinanderliegen, schließen sich vor allem deshalb zusammen, um eine Regierungsübernahme der AfD zu verhindern.

Das kann auf Dauer keinen politischen Frieden schaffen.

Wenn Wähler eine Partei deutlich zur stärksten Kraft machen, kann man dieses Votum nicht behandeln, als hätte es nicht stattgefunden. Daraus muss umgekehrt aber auch nicht folgen, dass eine einzelne Fraktion allein regieren und entscheiden können sollte.

Genau hier liegt die Chance eines anderen Politikansatzes.

Was wäre, wenn jede gute Idee eine Mehrheit suchen müsste?

Ohne feste Koalition müsste sich jede politische Kraft für ihre Anträge immer wieder Mehrheiten suchen.

Eine gute Idee müsste überzeugen. Das Parteibuch wäre zweitrangig. Entscheidend wäre der Inhalt.

Das würde die bisherige Koalitionslogik verändern. Gleichzeitig könnte keine einzelne Fraktion allein Gesetze und einen Milliardenhaushalt beschließen.

Dafür braucht es auch kein parlamentarisches Gnadenbrot für Parteien, die von den Wählern möglicherweise fast unter die Fünf-Prozent-Hürde geschickt werden. Eine Partei wie die SPD sollte nicht allein deshalb über eine Brandmauer-Koalition wieder Regierungsverantwortung erhalten, weil andere Mehrheitsverhältnisse politisch unbequem sind.

Welche Verantwortung haben Journalisten?

Hier beginnt die Verantwortung des Journalismus.

Wenn Journalisten eine mögliche AfD-Alleinregierung zum großen Thema machen, aber kaum untersuchen, welche anderen parlamentarischen Konstellationen denkbar wären, muss eine Frage erlaubt sein:

Warum ist die journalistische Neugier auf solche Möglichkeiten so gering?

Und wer entscheidet eigentlich, was relevant ist?

Der einzelne Journalist? Eine Redaktion? Redaktionelle Routinen? Juristische Absicherung? Die Angst vor Kritik? Oder Regeln, die irgendwann festgelegt wurden und heute kaum noch jemand grundsätzlich hinterfragt?

Denn „Relevanz“ entscheidet sich nicht von selbst.

Hinter jeder Einladung, jedem Interview und jeder Erwähnung stehen Menschen. Und auch hinter der Entscheidung, jemanden nicht einzuladen oder unter „Sonstige“ verschwinden zu lassen.

Wer sich hinter der „abgestuften Chancengleichheit“ versteckt und erklärt, über eine kleinere Partei könne man nicht berichten, weil dann die nächste ebenfalls Ansprüche erheben würde, macht es sich zu einfach.

Journalismus sollte Ideen entdecken, Konsequenzen durchrechnen, Möglichkeiten prüfen und darüber berichten.

Ist Berichterstattung schon Wahlkampfhilfe?

Wer die Berichterstattung über eine als irrelevant eingestufte Partei mit dem Argument verweigert, dies könne Wahlkampfhilfe sein, müsste konsequenterweise über den gesamten Wahlkampf schweigen.

Denn auch ein Bericht über das Versagen einer Regierungspartei, interne Probleme beim BSW oder einen Skandal eines CDU-Politikers kann Wähler beeinflussen und damit einer anderen Partei nutzen.

Natürlich wirkt Wahlkampfberichterstattung auf den Wahlkampf. Jede Erwähnung schafft Aufmerksamkeit. Jede Nicht-Erwähnung verhindert sie.

Die mögliche Wirkung einer Recherche ist kein Grund, auf Recherche zu verzichten.

Journalisten sind deshalb nicht ausschließlich Beobachter eines Wahlkampfes. Durch Auswahl, Gewichtung und Sichtbarkeit wirken sie auf ihn zurück.

Wenn aus der ständig beschworenen AfD-Alleinregierung am Ende eine selbsterfüllende Prophezeiung wird, muss nach der Wahl deshalb auch gefragt werden, welchen Anteil diejenigen daran hatten, die andere politische Möglichkeiten gar nicht erst sichtbar gemacht haben.

Wie kann politische Neugier zurückkehren?

Es geht letztlich um eine grundsätzliche Frage: Ist ein System, das bestehende Relevanz immer wieder mit neuer Aufmerksamkeit belohnt, noch offen genug dafür, dass etwas Neues entstehen kann?

Und wie kommt Journalismus wieder stärker zur Beschreibung und Prüfung tatsächlicher Möglichkeiten?

Denn genau das ist seine Aufgabe.

Am 6. September hat jeder Wähler eine Stimme. Jede dieser Stimmen kann das erste Sandkorn eines Berges sein oder sein Schlussstein.

60.000 Wähler können diesen Berg bilden, wenn sie sich ihrer Macht bewusst sind und das wählen, was tatsächlich ihrem politischen Wunsch entspricht.

Wer wirklich etwas Neues will, sollte nicht aus Angst taktisch wieder das Alte wählen.

Nutzt eure Macht.

60.000plus.de


Quellen und Links

Dieser Artikel basiert auf dem Gastbeitrag von Sven Lingreen, der am 24. August 2026 unter dem Titel „Wer hat die Neugier getötet? – Das Paradoxon der politischen Relevanz“ bei Vera Lengsfeld erschienen ist. Originalbeitrag bei Vera Lengsfeld

Bürgerschaftswahl Bremen 2019, Statistisches Landesamt Bremen
Bürger in Wut (BIW): 2,4 Prozent im Land Bremen.
Amtliches Wahlergebnis 2019

BremenTREND März 2023, Infratest dimap
Erhebung vom 22. bis 27. Februar 2023. BIW lag unter der Schwelle von 3 Prozent, ab der Infratest dimap Parteien mit einem eigenen Stimmenanteil auswies.
Infratest dimap, BremenTREND März 2023

BremenTREND Mai 2023, Infratest dimap
Kurz vor der Wahl wurde BIW separat ausgewiesen und legte gegenüber der April-Erhebung nochmals deutlich zu. Infratest dimap weist zugleich ausdrücklich darauf hin, dass BIW vom Ausschluss der AfD profitierte.
Infratest dimap, BremenTREND Mai 2023

Bürgerschaftswahl Bremen 2023, Landeswahlleiter Bremen
Endgültiges Ergebnis: BIW 9,4 Prozent, 118.695 Stimmen und zehn Sitze.
Endgültiges Wahlergebnis 2023, Landeswahlleiter Bremen

 

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