von Peter Scheller
Manche Zitate wirken wie ein politischer Generalschlüssel: kurz, eingängig und „passen immer“. Ein Satz Otto von Bismarcks wird heute besonders gern geteilt, wenn es um Propaganda und die Macht der Wiederholung geht. Das Problem ist. Oft wird dabei genau der Teil weggelassen, der die Aussage entscheidend einordnet.
Manche Zitate wirken wie ein politischer Generalschlüssel: kurz, eingängig und „passen immer“. Ein Satz Otto von Bismarcks wird heute besonders gern geteilt, wenn es um Propaganda und die Macht der Wiederholung geht. Das Problem ist: Oft wird dabei genau der Teil weggelassen, der die Aussage entscheidend einordnet.
Das verkürzte Zitat
So findet man die Passage in Zitat-Sammlungen im Netz – teils ausdrücklich unter dem Stichwort „Lüge“:
Eine zweifelhafte Behauptung muss recht häufig wiederholt werden, dann schwächt sich der Zweifel immer etwas ab und findet Leute, die selbst nicht denken, aber annehmen, mit so viel Sicherheit und Beharrlichkeit könne Unwahres nicht behauptet oder gedruckt werden.
In dieser Form wirkt es wie eine zynische Lebensweisheit. Wiederhole Unwahres oft genug, dann glaubt es irgendwann jemand. Genauso wird es dann auch verstanden und weiterverbreitet.
Das Originalzitat
In einer zeitgenössischen Druckquelle wird sichtbar, dass Bismarck vorher etwas sagt, das die Stoßrichtung komplett verändert. Die Passage lautet dort:
„… Es kommt aber doch auf die Wahrheit dessen, was man sagt, einigermaßen an. Ich komme mit weniger Wiederholungen aus, weil ich mich an die Wahrheit halte. Eine zweifelhafte Behauptung muss recht häufig wiederholt werden …“
Bismarck „verkauft“ Wiederholung nicht als Trick zur Verbreitung von Lügen, sondern nutzt sie zum polemischen Angriff. Er selbst wiederhole (angeblich) Wahres und das Unwahre müsse „recht häufig wiederholt“ werden, damit es verfängt.

Warum sagte Bismarck das überhaupt?
Die Passage entstammt einer Debatte im Reichstag am 14. Juni 1882, in der Bismarck sinngemäß kontert, dass man bei politischen Auseinandersetzungen zwangsläufig Wiederholungen verwenden müsse. Ihm gehe es um den Unterschied zwischen dem Wiederholen von Wahrheiten und dem Wiederholen von zweifelhaften Behauptungen. In der Quelle ist sogar erkennbar, dass es unmittelbar um einen Schlagabtausch über politische Argumentationsmuster und Vorwürfe gegen Bismarck geht.
Der von Bismarck angegriffene „Abgeordnete Richter“ war Eugen Richter (Deutsche Fortschrittspartei), einer der schärfsten linksliberalen Kritiker des Reichskanzlers.
Richter hatte Bismarck vorgeworfen, seine Rede sei nur eine Wiederholung früherer Argumente. Bismarck entgegnete darauf, Wiederholung sei oft nötig. Entscheidend sei aber, ob das Wiederholte wahr sei; und genau dort sagt er: „Ich komme mit weniger Wiederholungen aus, weil ich mich an die Wahrheit halte.“
Erst danach folgt die Passage über die „zweifelhafte Behauptung“, die man häufig wiederholen müsse.
Was ändert das Weglassen des ersten Satzes?
Der einleitende Satz ist es eine Aussage, die man als arrogant empfinden kann.
Ich muss mich weniger wiederholen, weil ich mich an die Wahrheit halte – zweifelhafte Behauptungen brauchen Wiederholung.
Ohne den einleitenden Satz bleibt beim Leser das Verständnis:
Zweifelhafte Behauptungen wirken durch Wiederholung bei Leuten, die nicht denken.
Beides ist nicht dasselbe. Und genau diese Weglassung ist politisch relevant. Man kann sich damit eine Autorität „ausleihen“, die der Originalsprecher so nicht hergeben wollte.
Fundstellen: Wo aus Kürzung ein „Lügen-Zitat“ gemacht wird
Dass diese Verkürzung nicht nur „zufällig“ passiert, erkennt man daran, wo das Zitat zu finden ist. Es erscheint z. B. als „Bismarck über Lüge“ oder auf Seiten zum Thema „Lüge“ und das jeweils ohne den einleitenden Satz.
Damit wird aus einer polemischen Abgrenzung („Ich halte mich an die Wahrheit …“) eine allgemeine Lehre über die Wirksamkeit von Unwahrheit. Nicht der Text wird gefälscht, sondern ein fehlender Satz verändert die Aussage.
Warum ist das ein perfektes Beispiel für „Zitat-Munition“?
Es zeigt, wie Manipulation oft funktioniert. Es muss nichts erfunden werden, sondern Entscheidendes nur weggelassen.
Im Netz oder in Medien werden Zitate häufig zu „sprechenden Aufklebern“. Sie sollen sofort wirken, ohne dass jemand die Quelle prüft oder den Anlass versteht. Und je besser ein Zitat als Meme funktioniert, desto eher überlebt es in genau der Form, die maximal anschlussfähig ist, selbst wenn es den Sinn verdreht.
Wer Politik beobachtet, sieht dieses Muster ständig:
- Worte werden umdefiniert.
- Zusammenhänge werden abgeschnitten.
- Zitate werden so verkürzt, dass sie einen moralischen Schlag darstellen.
Gerade deshalb lohnt es sich, bei „perfekt passenden“ Zitaten zu fragen, was hier fehlt.
Was hat das mit dieBasis zu tun?
Auf der Website der Partei steht gleich am Anfang ein Satz, der als Maßstab über allem stehen sollte:
Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.
Das ist nicht nur ein Motto, sondern Programm. Demokratie lebt davon, dass Bürger nicht bloß Zuschauer sind, sondern urteilsfähig bleiben. Dazu gehört auch die Medienkompetenz. Man sollte Quellen prüfen, den Kontext kennen und fair zitieren.
Wenn dieBasis bestimmte Grundwahrheiten wiederholt – Transparenz, Bürgerrechte, Machtbegrenzung, echte Beteiligung –, dann ist das keine „Propaganda durch Wiederholung“, sondern das Gegenmittel zu einer Politik, die oft mit Verkürzung und Verzerrung arbeitet. Wer Wahrheit verteidigt, muss sie nicht schneiden, sondern erklären.
Quellen
Oels’er Kreisblatt 1882 Jg. 20 (PDF) – enthält die Passage inkl. „Ich komme mit weniger Wiederholungen aus…“ – https://bibliotekacyfrowa.pl/Content/125259/PDF/GSL_P_28143_III_1882_57163_027.pdf
gutzitiert.de – „Otto Fürst von Bismarck über Lüge“ – https://www.gutzitiert.de/zitat_autor_otto_fuerst_von_bismarck_thema_luege_zitat_14267.html
zitate7.de – Thema „Lüge“ – https://www.zitate7.de/thema/Luege/280.html
gutzitiert.de – Zitate/Sprüche zum Thema „Lüge“ – https://www.gutzitiert.de/zitate_sprueche-luege.html
dieBasis – Startseite („Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus…“) – https://diebasis-partei.de/
dieBasis – Forderungen / vier Säulen (Freiheit, Machtbegrenzung, Achtsamkeit, Schwarmintelligenz) – https://diebasis-partei.de/partei/forderungen/