Rezension von Bastian Alexander Werner
Andrea Henning sucht die Wahrheit nicht in formalen Beschlüssen, sondern in der Atmosphäre des Prozesses. Ihr Ansatz verleiht ihrer Deutungskraft eine bemerkenswerte Schärfe und fokussiert zugleich analytisch.
Diese Lesung will mehr als informieren. Sie will retten: einen Menschen, einen Fall, vielleicht ein ganzes Milieu des Corona-Widerstands vor dem Vergessen. Andrea Henning stellte ihr Buch „Dr. Reiner Fuellmich: Die Corona-Akte vor Gericht – Juristisch ein Skandal“ am 28. März in Hürth und am 29. März 2026 in Niederkassel bei einer Lesung von der Partei dieBasis vor. Organisiert wurde dies von Anne Krämer vom KV Rhein-Erft-Kreis mit Unterstützung des Bezirksverbandes Köln. Henning spricht nicht wie eine distanzierte Chronistin, sondern wie eine Zeugin, die spürt, dass das Protokoll die Wirklichkeit nicht mehr erfasst. Das verleiht dem Abend Stärke und Besonderheit. Denn diese Lesung lebt von der Überzeugung, dass hinter dem Verfahren ein zweites läuft: eines der Zeichen, Andeutungen, Ausschlüsse und Demütigungen. Das Buch ist eine Beobachtung von 46 der 53 Verhandlungstage.

Musikalische Begleitung
Andrea Henning wird an diesem Abend von dem Pianisten Arne Schmitt begleitet. Seine Improvisationen greifen Stimmungen auf und führen sie weiter. In stillen Passagen bleibt er zurückhaltend, in konflikthaften Momenten setzt er gezielte Akzente. So entsteht ein Zusammenspiel, das den Vortrag trägt, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.
Ungewöhnliche Härte im Urteil: Politische Vorwürfe gegen Fuellmich
In der Urteilsbegründung tritt die politische Dimension des Verfahrens klar zutage. Man warf Fuellmich vor, den Prozess als „politische Bühne“ zu nutzen. Die Ermittlungsakten strotzen vor politischen Verweisen, etwa auf einen „Corona-Bezug“ oder Fuellmichs Aktivitäten in der Querdenker-Szene. Für ein reines Wirtschaftsdelikt ist das höchst ungewöhnlich.
Auf Fuellmichs Aktendeckel seiner Prozessakte war das Wort „Corona“ deutlich sichtbar vermerkt. Ebenso ungewöhnlich ist das Strafmaß, denn während bei Wirtschaftsdelikten in Millionenhöhe oft milde Urteile fallen, greift man hier mit außergewöhnlicher Härte durch. Die verhandelten Beträge im Fuellmich-Prozess lagen weit unter der Millionen-Euro-Grenze. Außergewöhnlich hart waren auch die Haftbedingungen, welche eine Isolationshaft von 150 Tagen beinhalteten. Die UN-Konvention (Nelson-Mandela-Regel) stuft eine Einzelhaft von mehr als 15 Tagen als weiße Folter oder grausame Behandlung ein. Weiterhin wurde auch seine Untersuchungshaft nicht komplett angerechnet, begründet mit „Prozessverschleppung“ während der Verhandlungstage. Dass all dies ausgerechnet einen Kritiker der Corona-Maßnahmen trifft, wirft Fragen auf.
Die Wahrheit im Gerichtssaal?
Henning vertraut nicht der amtlichen Form, nicht dem Beschluss, nicht dem Verfahrensgang, nicht der richterlichen Sprache. Für sie liegt die Wahrheit in Nebengeräuschen wie in den Sicherheitsmaßnahmen, verweigerten Kontakten, unterbrochenen Sätzen, Atmosphären. Das ist die Erkenntnis des Abends: nicht Aktenwahrheit, sondern Stimmung als Indiz.
Darin liegt die Kraft ihrer Lesung. Sie nimmt ernst, dass Herrschaft oft nicht in einem Skandal, sondern in vielen kleinen Erniedrigungen sichtbar wird. So entsteht ein dichtes Bild eines Verfahrens, das formal juristisch, aber innerlich politisch funktioniert.
Der Begriff von Verantwortung?
Diese Lesung ist ein Appell. Nicht an die Massen, sondern an die Zögernden wie Juristen, Prozessbeobachter, ehemalige Mitstreiter, stille Sympathisanten. Und an die vielen, die den Corona-Ausschuss während der Pandemie im Internet verfolgten. Henning kehrt immer wieder zur moralischen Zumutung zurück. Für Sie ist Wegsehen Teil des Problems.
Henning ruft nicht zur Revolution, sondern zur Gewissensprüfung auf. Besonders die Passage an Jurastudenten zeigt das. Recht genügt ihr nicht als Technik; es muss an Würde gebunden sein. Das ist keine streng austarierte Rechtsphilosophie, sondern eine Gewissensethik.

Wahrheit in den Akten oder in den Zwischentönen?
Erstaunlich ist nicht die Wut, sondern die Beharrlichkeit. Henning erzählt einen düsteren Stoff, baut aber immer wieder kleine Gegenräume ein. Sie berichtet von den vielen Briefen und Karten in der JVA, von den vollen Zuschauerbänken während der Verhandlungen und den Mahnwachen vor der JVA. Diese Momente sind keine Randnotizen. Sie sind das Gegenbild. Sie zeigen, dass eine Gesellschaft mehr ist als eine Institution. Das Freiheit dort lebt, wo Menschen füreinander einstehen.
Das passt zur Dramaturgie des Vortrags. Der Staat erscheint mächtig, aber unlebendig, und die Gegenwelt schwach, aber lebendig. Hoffnung liegt nicht im baldigen Sieg, sondern im Erhalt von Beziehungen. Henning verschiebt den Horizont von der juristischen Entscheidung hin zu einer moralischen Öffentlichkeit. Das ist klug und zeigt Standhaftigkeit.
Was trägt diese Argumentation?
Im Zentrum steht ein klassischer Dissident. Ein Mensch, der fragt, wo andere verstummen; einer, der hilft, wo das System kalt wird; einer, der nicht perfekt sein muss, um als Symbol zu taugen. Fuellmich erscheint weniger als Angeklagter denn als Prüfstein von Narrativen. In diesem Prozess entscheidet sich, ob eine Gesellschaft Kritik aushält.
Das Menschenbild dahinter ist greifbar und wirksam. Auf der einen Seite der Mensch mit Gewissen, Würde, Treue, Opferbereitschaft. Auf der anderen Seite der Apparat, der sprachlos und technokratisch erscheint und versucht, sich durch ein Verfahren zu entlasten.
Wahrheit in der Atmosphäre
In der Corona-Aufarbeitung dominieren zwei Formen: das große Deutungsbuch über Politik, Medien und Wissenschaft und die autobiografisch-mediale Abrechnung. Andrea Hennings Eigenart liegt woanders. Ihr Thema ist nicht Virologie, nicht große Theorie, nicht Selbstbiografie, sondern eine erlebte Gerichtsreportage aus der Nahdistanz. Ihr Stoff ist nicht „Corona“ im Ganzen, sondern die moralische Temperatur eines einzelnen Verfahrens. Genau darin liegt ihr Alleinstellungsmerkmal. Sie macht aus Prozessbeobachtung eine Erzählung über Recht als Atmosphäre. Das ist literarisch wirksam und im Milieu der Corona-Literatur ungewöhnlich. Das Buch wird mit diesem beobachtenden, randnotierenden Zugriff interessant. Henning war Beobachterin des Gerichtsprozesses vor Ort und berichtete aus erster Hand. Auf diese Beobachtungen griffen viele Fragende und Kritiker in der anschließenden Diskussion lebhaft zu.
Fazit
Diese Lesung hat Zug. Sie weiß, was sie will. Sie will nicht abwägen, sondern den Fall festhalten, bevor er im Archiv verschwindet. Das macht sie eindringlich. Henning beobachtet scharf, formuliert pointiert und baut aus Verfahrensdetails eine Anklage gegen ein ganzes System. Zugegeben, wer nur Distanz sucht, wird ihr vielleicht misstrauen. Aber wer wissen will, wie Misstrauen gegenüber Institutionen entsteht, sollte genau hinsehen. Diese Lesung richtet sich an Leser, die Corona als Erzählung von Milieu, Medien und Justiz begreifen wollen, an Prozessbeobachter, die erfahren möchten, wie Verhandlungstage ein politisches Narrativ formen. Sie spricht Menschen an, die sich an den Corona-Ausschuss erinnern und Reiner Fuellmich nicht vergessen haben. Und jene, die die Wahrheit nicht nur in Aktenordnern suchen.

Neugierig auf mehr?
Wer neugierig auf eine weitere Buchlesung geworden ist, kann sich bei Andrea Henning direkt erkundigen, wo weitere Lesungen stattfinden.
Webseite: www.andreahenning.de
E-Mail:
Weitere Termine sind:
18.04.2026 Osnabrück
19.04.2026 Hameln
Wer das Buch direkt bestellen möchte, kann mit diesen Angaben fündig werden:
Andrea Henning: „Dr. Reiner Fuellmich: Die Corona-Akte vor Gericht – Juristisch ein Skandal“, epubli, 2025, Taschenbuch, ISBN: 9783819730443, 19,95 €
Und wer Lust hat, zu Hause die Musik von Arne Schmitt zu genießen und auch mehr von ihm zu erfahren, kann hier fündig werden:
Website: www.arne-schmitt.com