Vergessene Kriege: Frieden beginnt dort, wo wir hinschauen

Bericht zum Politischen Frühschoppen der AG Strategische Impulse vom 10.05.2026

Beitrag der AG Strategische Impulse

Am 10. Mai 2026 fand im Rahmen des Politischen Frühschoppens der AG Strategische Impulse ein Impulsvortrag mit anschließender Diskussion zum Thema „Vergessene Kriege – Frieden beginnt dort, wo wir hinschauen“ statt. Im Mittelpunkt stand die Frage: Warum erhalten manche Kriege dauerhaft politische und mediale Aufmerksamkeit, während andere Konflikte mit tausenden Toten, Millionen Vertriebenen und zerstörten Lebensgrundlagen kaum wahrgenommen werden?

Die zentrale These der Veranstaltung lautete: Sichtbarkeit folgt nicht automatisch dem Ausmaß menschlichen Leids. Sie entsteht häufig dort, wo politische Nähe, mediale Erzählbarkeit, geostrategische Interessen oder starke Bilder vorhanden sind. Umgekehrt verschwinden Kriege aus unserem Bewusstsein, wenn sie komplex, geografisch fern, schwer bildlich zu erfassen oder politisch unbequem sind.

Vergessen heißt nicht unbekannt

Viele sogenannte „vergessene Kriege“ sind keineswegs unbekannt. Sie werden von den Vereinten Nationen, der Europäischen Union, Hilfsorganisationen, Menschenrechtsstellen und Fachinstituten seit Jahren dokumentiert. Dennoch erreichen sie nur selten die breite Öffentlichkeit.

Genannt wurden unter anderem der Sahel, Kamerun, der Kongo, Jemen, Sudan, Äthiopien, Haiti und weitere Krisenregionen. Diese Konflikte erscheinen in Berichten, Statistiken und humanitären Lagebildern, aber eben nicht in Talkshows, Leitartikeln oder politischen Grundsatzdebatten.

Daraus ergibt sich eine friedenspolitische Kernfrage. Kann eine glaubwürdige Friedenspolitik selektiv sein? Oder muss sie gerade dort hinschauen, wo keine Kameras laufen, wo die Ursachen kompliziert sind und wo westliche Interessen möglicherweise selbst Teil des Problems sind?

Politischer Frühschoppen – Thema Vergessene Kriege: Frieden beginnt dort, wo wir hinschauen

Afrika ist mehr als Krise

Ein wichtiger Teil der Diskussion galt Afrika. Dabei wurde ausdrücklich davor gewarnt, den Kontinent nur als Raum von Krieg, Armut und Korruption zu beschreiben. Afrika ist ein Kontinent alter Kulturen, eigener Rechtsordnungen, wachsender Städte, junger Gesellschaften und großer Zukunftschancen.

Gleichzeitig wirken koloniale Grenzziehungen, fremde Rechtssysteme, zerstörte lokale Ordnungen und externe Machtinteressen bis heute nach. Besonders deutlich wurde dies am Beispiel Kamerun. Dort überlagern sich deutsche Kolonialgeschichte, französische und britische Mandatsübernahme nach dem 1. Weltkrieg, Common Law, frankophone Zentralstaatlichkeit und indigene Traditionen.

Der Konflikt in den englischsprachigen Regionen Kameruns ist deshalb nicht einfach ein „Stammeskonflikt“. Er ist Ausdruck historischer Brüche, kultureller Missachtung, sprachlicher Unterordnung, zentralistischer Machtpolitik und mangelnder politischer Wahrnehmung.

Bilder helfen – aber sie können auch täuschen

Der Vortrag arbeitete bewusst mit Vergleichsbildern. Solche Bilder ersetzen keine Analyse, aber sie können einen ersten Zugang schaffen. Der Sahel kann etwa über Konflikte um Wasser, Weidekorridore und Landrechte verständlicher werden. Der Kongo erinnert in seiner Zersplitterung, den vielen bewaffneten Akteuren und der massenhaften Tötung der Zivilbevölkerung in manchem an den Dreißigjährigen Krieg.

In der Diskussion wurde zugleich betont, dass Bilder nicht zu Klischees werden dürfen. Wer Afrika nur über Mangel, Gewalt und Korruption betrachtet, übersieht Entwicklung, Würde, Selbstorganisation und lokale Stärke. Ein Beitrag aus Mali machte deutlich, dass dort nicht nur Armut und Konflikt existieren, sondern auch neue Straßen, Brunnen, Solaranlagen und konkrete Entwicklungen vor Ort.

Die Aufgabe lautet also, Bilder zu nutzen, um Verständnis zu wecken, aber sie wieder zu verlassen, bevor sie zur Vereinfachung werden.

Folge der Spur des Geldes

Ein besonders starker Gedanke der Veranstaltung war: „Folge der Spur des Geldes.“

Kriege entstehen selten allein aus religiösen oder ethnischen Gegensätzen. Immer wieder spielen Rohstoffe, Waffenhandel, Schmuggel, Drogenrouten, ausländische Finanzierung, Sicherheitsinteressen und geopolitische Machtpolitik eine entscheidende Rolle.

Der Ostkongo wurde als Beispiel genannt. Dort verbinden sich lokale Gewalt, regionale Machtinteressen und globale Lieferketten. Kobalt, Coltan, Gold und andere Rohstoffe stehen nicht außerhalb des Konflikts, sondern sind Teil seiner Gewaltökonomie.

Auch der Sahel wurde nicht als bloßer „Terrorraum“ betrachtet. Die Folgen des Libyenkriegs 2011, Waffenströme, schwache Staatlichkeit und der Zusammenbruch regionaler Ordnungen haben dazu beigetragen, Instabilität weit über Libyen bis nach Mali und in andere Teile der Sahelzone zu tragen.

Militär kann keine Staaten heilen

Die Diskussion vermied einfache Antworten. Militärische Interventionen wurden nicht pauschal als immer falsch oder immer notwendig bewertet. Es wurde anerkannt, dass militärisches Eingreifen in bestimmten Situationen kurzfristig Gewalt eindämmen kann.

Gleichzeitig wurde deutlich, dass Militär keine Staaten heilen kann. Ohne tragfähige politische Ordnung, lokale Legitimität, wirtschaftliche Perspektive und Verantwortung externer Akteure entstehen oft neue Gewaltketten.

Libyen wurde dabei als warnendes Beispiel genannt. Der Sturz eines Regimes bedeutet noch keinen Frieden. Wenn danach kein tragfähiger Staat entsteht, können Waffen, Milizen und Unsicherheit ganze Regionen destabilisieren.

Medien, Aufmerksamkeit und der Kreislauf des Vergessens

Ein weiterer Schwerpunkt war die Rolle der Medien. Vergessene Kriege verschwinden nicht nur, weil sie weit weg sind. Sie verschwinden, weil sie selten bebildert werden, weil sie schwer zu erzählen sind und weil sie politisch nicht in einfache Deutungsmuster passen.

Es entsteht ein Kreislauf von wenig Bildern, wenig Berichterstattung, wenig öffentlichem Druck, geringer politischer Priorität, unterfinanzierter Hilfe und dadurch noch weniger Aufmerksamkeit. Dabei ist Nichtberichterstattung nicht neutral. Wenn bestimmte Konflikte kaum sichtbar sind, fehlt auch der demokratische Druck, politische Verantwortung einzufordern.

Europa ist nicht nur Beobachter

Die Diskussion blieb nicht bei Medienkritik stehen. Sie fragte nach Verantwortung. Europa nutzt Rohstoffe, exportiert Waffen, schließt Sicherheitsabkommen, betreibt Migrationspolitik und leistet humanitäre Hilfe. Damit ist Europa nicht bloß Beobachter.

Wenn wirtschaftliche Interessen, Rohstoffabhängigkeiten, geopolitische Strategien und humanitäre Rhetorik zusammenkommen, muss Friedenspolitik genauer hinschauen. Es reicht nicht, Leid zu beklagen. Es muss gefragt werden, wer von Instabilität profitiert, wer Waffen liefert, wer Rohstoffe kauft, wer schweigt und wer Verantwortung auslagert.

Afrika darf dabei weder paternalistisch als Hilfsobjekt behandelt noch romantisiert werden. Es braucht faire Partnerschaft, Respekt vor lokalen Ordnungen, Aufmerksamkeit für Ausbeutung und den Mut, eigene Verstrickungen offenzulegen.

Was bedeutet Friedenspolitik?

Gegen Ende der Diskussion verschob sich der Fokus. Aus der Frage „Warum berichten die Medien nicht?“ wurde die Frage „Was bedeutet das für unsere Friedenspolitik?“

Die Antwort des Frühschoppens war klar. Friedenspolitik darf nicht selektiv sein. Sie darf sichtbare Kriege nicht gegen unsichtbare Kriege ausspielen. Ukraine, Gaza oder Iran werden nicht relativiert, wenn wir auch über Sahel, Kamerun, Kongo, Sudan oder Jemen sprechen. Im Gegenteil, eine glaubwürdige Friedenspolitik muss das Leid aller Menschen ernst nehmen.

Friedenspolitik bedeutet daher:

  • hinschauen, bevor ein Konflikt Schlagzeilen macht,
  • historische Ursachen ernst nehmen,
  • Menschen nicht auf Opferrollen oder statistische Zahlen reduzieren,
  • Waffenströme, Geldströme und Rohstoffinteressen benennen,
  • Komplexität akzeptieren,
  • Dialog und lokale Selbstbestimmung stärken und
  • faire wirtschaftliche Beziehungen einfordern.

Frieden beginnt mit der Wahrnehmung

Der Politische Frühschoppen der AG Strategische Impulse am 10. Mai 2026 machte deutlich: Vergessene Kriege sind nicht vergessen, weil niemand von ihnen wissen könnte. Sie sind vergessen, weil sie für unsere politische Wahrnehmung unbequem sind.

Gerade deshalb beginnt Frieden dort, wo wir trotzdem hinschauen. Und nicht erst, wenn Bilder um die Welt gehen, westliche Interessen unmittelbar betroffen sind oder ein Konflikt in unser Nachrichtenformat passt. Friedenspolitik ist auch da notwendig, wo Menschen leiden, obwohl kaum jemand über sie spricht.

Frieden beginnt dort, wo wir den Mut haben, auch die vergessenen Kriege sichtbar zu machen.

 

Kontakt zur Redaktion der Basis: redaktion@diebasis-partei.de