Deutschland übt den Ernstfall

Wie „Kriegsfähigkeit“ zur neuen Normalität wird

Gastbeitrag von Peter Scheller

In Deutschland und Europa verändert sich die sicherheitspolitische Sprache. Früher war von Friedensordnung, Entspannung, Abrüstung und Diplomatie die Rede. Heute dominieren Begriffe wie Kriegstüchtigkeit, Resilienz, Operationsplan Deutschland, Drehscheibe Deutschland, Host Nation Support, Bündnisverteidigung und gesamtgesellschaftliche Verteidigungsfähigkeit.

Diese Begriffe klingen technisch. Sie wirken nüchtern, verwaltungsmäßig und fast alternativlos. Sie beschreiben aber einen tiefgreifenden politischen Wandel. Nicht mehr nur die Bundeswehr soll auf den Ernstfall vorbereitet werden. Auch Behörden, Unternehmen, Häfen, Flughäfen, Kliniken, Rettungsdienste, Verkehrsunternehmen, Energieversorger, Schulen, Handelskammern und letztlich die Bevölkerung werden in eine neue Militärstrategie eingebunden.

Es spielt offensichtlich keine Rolle mehr, wie wir einen Krieg verhindern, sondern wie Staat, Wirtschaft und Gesellschaft kriegsfähig gemacht werden können.

Der Bruch im Jahr 2022

Natürlich gab es auch vor 2022 militärische Übungen. Die NATO übte schon nach der Krim-Krise 2014 verstärkt kollektive Verteidigung. Auch Deutschland war immer wieder eingebunden. Wer behauptet, vor 2022 habe es keine großen Manöver gegeben, liegt falsch.

Trotzdem ist seit 2022 ein deutlicher qualitativer Sprung zu erkennen. Übungen werden größer, medial sichtbarer und politisch offensiv kommuniziert. Sie dienen nicht mehr nur der internen militärischen Ausbildung, sondern werden zunehmend als öffentliches Signal verstanden, also an Russland, an die Bündnispartner, an die eigene Bevölkerung und an die Wirtschaft.

Air Defender 2023 war dafür ein erstes großes Zeichen. Deutschland führte die größte Luftwaffen-Verlegeübung seit Bestehen der NATO durch. 25 Nationen, rund 10.000 Beteiligte und etwa 250 Flugzeuge trainierten über Europa. Es ging nicht nur um Flugbewegungen, sondern um Bündnisfähigkeit, Fähigkeit zur Verlegung von Truppen und militärische Reaktionsgeschwindigkeit.

2024 folgte mit Steadfast Defender die größte NATO-Übung seit Jahrzehnten. Rund 90.000 Soldaten waren beteiligt. Deutschland war mit Quadriga 2024 eingebunden. Auch hier stand nicht irgendein abstraktes Krisenszenario im Raum, sondern die Fähigkeit, Truppen schnell an die NATO-Ostflanke zu verlegen und dort einsatzfähig zu machen.

Damit wird die politische Stoßrichtung sichtbar. Europa im Allgemeinen und Deutschland im Speziellen bezeichnen sich nicht mehr als Friedensraum, sondern werden zum militärischen Bewegungsraum. Und dass westliche Politiker und Leitmedien in diesem Zusammenhang von Europa sprechen, macht deutlich, dass Russland und Weißrussland nicht zu Europa gezählt werden. Die „dunkle Gefahr aus dem Osten“ wird unterschwellig wiederbelebt.

Beitragsbild Deutschland übt den Ernstfall_Alltag

Operationsplan Deutschland und die Militarisierung der Infrastruktur

Der zentrale Begriff für Deutschland lautet Operationsplan Deutschland. Er beschreibt den militärischen Anteil der gesamtstaatlichen Verteidigungsplanung. Im Ernstfall sollen bis zu 800.000 alliierte Soldaten und bis zu 200.000 Fahrzeuge innerhalb von sechs Monaten nach Deutschland verlegt, hier versorgt und weitertransportiert werden.

Das kann nur erreicht werden, wenn Autobahnen, Häfen, Bahnstrecken, Flughäfen, Lagerflächen, Energieversorgung, Kommunikation, Polizei, Hilfsorganisationen und Unternehmen Teil einer militärischen Logistikstrategie werden. Wer so plant, plant nicht nur für die Bundeswehr, sondern er plant für die ganze Gesellschaft. Deutschland wird als Aufmarsch-, Transit- und Versorgungsraum für einen großen europäischen Krieg vorbereitet.

Red Storm Charlie – Hamburg als Übungsraum der Gesamtverteidigung

Genau in diesen Zusammenhang gehört Red Storm Charlie in Hamburg. Vom 24. bis 26. September 2026 soll dort eine groß angelegte zivil-militärische Übung stattfinden. Es geht offiziell um Resilienz, Krisenvorsorge und bessere Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr, Behörden, Hilfsorganisationen, Unternehmen und zivilen Akteuren.

Gegenüber Red Storm Bravo des Vorjahres wird das Format erweitert. Die militärische Seite soll nicht entscheidend größer werden, aber die zivile Seite wächst. Unternehmen, Handelskammer, Handwerkskammer, Hafen, Flughafen, Rettungsdienste, Kliniken, Verkehrsbetriebe und weitere Akteure werden eingebunden. Red Storm Charlie ist nicht einfach eine Katastrophenschutzübung. Es ist ein Beispiel dafür, wie zivile Strukturen auf militärische Szenarien vorbereitet werden.

Besonders deutlich wird das bei Red Storm Business. Die Handelskammer Hamburg lädt Unternehmen ein, am 24. September 2026 ein Stromausfallszenario im eigenen Betrieb durchzuspielen. Das klingt zunächst nach vernünftiger Unternehmensvorsorge. Aber die Aktion findet ausdrücklich im Kontext der zivil-militärischen Übung Red Storm Charlie statt. Aus der Business Community wird ein Baustein der Gesamtverteidigung.

Die neue Kriegsfähigkeit ist zivil

Red Storm Charlie ist kein Einzelfall. National Guardian, Quadriga und CIMIC Quadriga weisen in dieselbe Richtung. Bei National Guardian geht es um die Unterstützung von Truppenverlegungen durch Deutschland. Bei CIMIC Quadriga 2026 wird die zivil-militärische Zusammenarbeit mit Polizei, Feuerwehr, THW, DRK, Unternehmen, Speditionen, Kliniken, Verkehrsbetrieben, Energiefirmen und Flughafenstrukturen geübt.

Auch der Luftwaffenbereich wird angepasst. Die Luftwaffe trainiert wieder stärker die Nutzung ziviler Flughäfen. Dahinter steht das Konzept, militärische Kräfte im Ernstfall auf mehrere Standorte zu verteilen, weil klassische Militärflugplätze Ziel von Angriffen sein könnten. Zivile Infrastruktur wird damit Teil militärischer Ausweichplanung, gleichzeitig aber auch zum legitimen Ziel eines Angriffs.

Am Hamburger Flughafen wurde mit Panther Shield bereits die Zusammenarbeit von Luftwaffe und ziviler Flughafeninfrastruktur geübt. Auch das passt in das Gesamtbild: Hafen, Flughafen, Straße, Schiene, Energie, Kommunikation und Gesundheitswesen werden als Bausteine militärischer Handlungsfähigkeit betrachtet.

Die neue Kriegsfähigkeit ist nicht rein militärisch, sondern zivil-militärisch.

„Resilienz“ – ein harmloses Wort mit neuer Bedeutung

Der politische Schlüsselbegriff lautet Resilienz. Gemeint ist Widerstandsfähigkeit gegen Stromausfälle, Cyberangriffe, Sabotage und gegen Krisen. Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden. Eine moderne Gesellschaft muss auf Ausfälle vorbereitet sein. Krankenhäuser, Wasserwerke, Energieversorgung, Feuerwehr, Rettungsdienste und Unternehmen brauchen Notfallpläne.

Doch im aktuellen Kontext bekommt Resilienz eine zweite Bedeutung. Sie wird zum zivilen Begleiter der Kriegstüchtigkeit. Resilient ist nicht mehr nur, wer Katastrophen übersteht. Resilient ist auch, wer militärische Verlegung, Versorgung, Kommunikation und Durchhaltefähigkeit im Bündnisfall ermöglicht. Aus ziviler Vorsorge wird Anschlussfähigkeit an militärische Planung.

Der Ernstfall wird zum Normalzustand

Es wird nicht nur mehr und größer geübt. Auffällig ist auch, wie darüber berichtet wird. Viele Berichte stellen solche Übungen als notwendig, professionell und verantwortungsvoll dar. Die Begriffe lauten Schutz, Vorsorge, Sicherheit, Bündnissolidarität, Abschreckung, Resilienz.

Kritische Fragen kommen dagegen nicht mehr vor. Was bedeutet es aber, wenn militärische Präsenz im öffentlichen Raum normal wird? Was bedeutet es, wenn Unternehmen und Kammern in militärische Übungsformate eingebunden werden? Und was bedeutet es, wenn Häfen, Flughäfen und Kliniken in Bündnisfallszenarien eingeplant werden? Was bedeutet es für eine Stadt, wenn sie sich als militärische Drehscheibe definiert?

Die Bevölkerung wird nicht nur informiert. Sie wird mental vorbereitet. Pop-up-Infostände, Bürgerinformationen, positive Medienberichte und öffentliche Besuchskonzepte sollen die neue Normalität akzeptabel machen. Das ist politische Kommunikation, die funktioniert.

Diplomatie tritt in den Hintergrund

Die Bundesregierung erwähnt weiterhin Frieden, Verhandlungen und diplomatische Bemühungen, aber nur sehr leise und fast verschämt. Der Schwerpunkt der öffentlichen Debatte liegt erkennbar woanders. Im Vordergrund stehen Waffenlieferungen, Verteidigungshaushalte, Wehrpflichtdebatten, Rüstungsproduktion, Abschreckung, NATO-Ostflanke, Operationsplan Deutschland und Kriegstüchtigkeit.

Diplomatie wird häufig nur noch unter der Formel diskutiert, die Ukraine müsse aus einer „Position der Stärke“ verhandeln können. Daraus folgt, dass militärische Stärke zur Voraussetzung jeder Friedensperspektive wird. Hieraus folgt, dass realistische diplomatische Schritte die Eskalation nicht begrenzen können, sondern dass wir militärische Stärke brauchen, um im Konfliktfall bestehen zu können. Das ist ein dramatischer Paradigmenwechsel.

Die Gefahr der Gewöhnung

Die größte Gefahr liegt nicht in einzelnen Militärübungen. Sie liegt nicht in ihrer Anzahl, sondern in ihrem immer größer werdenden Umfang und der medialen Berichterstattung. Wenn jedes Jahr neue Großübungen stattfinden, wenn Unternehmen mitmachen, wenn Kammern mobilisieren, wenn zivile Flughäfen militärisch eingeplant werden, wenn Kliniken potenzielle Verwundetenketten aufnehmen sollen, wenn Bevölkerungsschutz und Bündnisverteidigung immer enger zusammenrücken, dann entsteht eine neue gesellschaftliche Wirklichkeit.

Der Krieg ist keine Katastrophe mehr, die unbedingt verhindert werden muss. Er ist ein Szenario, auf das sich alle vorbereiten sollen. Krieg wird zu mehr als einem außerhalb der Vorstellung liegenden fernen Ereignis. Gleichzeitig zeichnen Äußerungen der Politiker und Medienberichte kein reales Bild des Schreckens eines Krieges. Und die Menschen, die den letzten Krieg miterlebt haben, sterben langsam aus und können uns von den Schrecken des Krieges nicht mehr berichten.

Friedenspolitik muss widersprechen

Deutschland braucht funktionierenden Katastrophenschutz, robuste Infrastruktur und handlungsfähige Behörden. Aber Deutschland braucht ebenso eine politische Kultur, die Verhandlungen, Entspannung, Rüstungskontrolle und Deeskalation nicht als Schwäche behandelt.

Red Storm Charlie, Operationsplan Deutschland, National Guardian, Quadriga und Air Defender zeigen, dass die Entscheidung nicht irgendwann in ferner Zukunft fällt. Sie fällt jetzt, nämlich in Übungen, Haushaltsentscheidungen, Pressekonferenzen, Kammeraktionen, Schulungen, Infoständen und durch eine spezielle Semantik. Wer die Sprache verändert, verändert das Denken. Und wer das Denken verändert, bereitet die Realität des Krieges vor.

Quellen:

NATO – Annual Report 2024 – https://www.nato.int/content/dam/nato/legacy-wcm/media_pdf/2025/4/pdf/sgar24-en.pdf

Bundeswehr – Operationsplan Deutschland – https://www.bundeswehr.de/de/organisation/operatives-fuehrungskommando-der-bundeswehr/auftrag-und-aufgaben/operationsplan-deutschland

Bundeswehr – Quadriga 2025: National Guardian – https://www.bundeswehr.de/de/auftrag/uebungen/quadriga/quadriga-2025/national-guardian

Bundeswehr – Quadriga 2024: NATO-Landstreitkräfte üben den Bündnisfall – https://www.bundeswehr.de/de/auftrag/uebungen/quadriga/quadriga-2024-nato-landstreitkraefte-ueben-buendnisfall

AIR DEFENDER 23: Luftmacht – Kampfbereit über Europa | WELT Doku – https://www.youtube.com/watch?v=RVu2iOWBLJM

Bundeswehr – Red Storm Charlie: Bundeswehr-Übung 2026 in Hamburg – https://www.bundeswehr.de/de/organisation/operatives-fuehrungskommando-der-bundeswehr/landeskommando/hamburg/uebung-red-storm-charlie

Handelskammer Hamburg – Red Storm Business – https://www.handelskammer-hamburg.de/international-aussenwirtschaft/red-storm-business

Bundeswehr – CIMIC Quadriga 2026 – https://www.bundeswehr.de/de/organisation/unterstuetzungsbereich/zivil-militaerische-zusammenarbeit-der-bundeswehr/cimic-quadriga-2026

Bundeswehr – Übung Panther Shield am Hamburg Airport – https://www.bundeswehr.de/de/organisation/luftwaffe/aktuelles/luftwaffe-trainiert-am-hamburg-airport-6110846

Bundesregierung – Pistorius: „Wir müssen bis 2029 kriegstüchtig sein“ – https://www.bundesregierung.de/breg-de/service/newsletter-und-abos/bulletin/pistorius-befragung-regierung-2290860

 

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