Gastbeitrag von Ralph Schöpke und Peter Scheller
Wie Wohlstand, Macht und fehlende Verantwortung ganze Ordnungen schwächen können
Gesellschaften bleiben nicht allein dadurch stabil, dass sie funktionieren. Entscheidend ist, ob sie ihre materiellen Grundlagen und ihre kulturellen Leitideen von Generation zu Generation nicht nur weitergeben, sondern auch verbessern. Jede Generation muss nicht nur erben, sondern zur Verbesserung befähigt werden. Dies geschieht durch Bildung, Erfahrung, Verantwortung und die Bereitschaft, Irrtümer zu korrigieren.
Diese kulturelle Weitergabe lässt sich als eine Form von „kultureller Evolution“ verstehen. Anders als beim biologischen Selektionsdruck geht es hier nicht um das Überleben einzelner Individuen, sondern um Lernprozesse. Verhaltensweisen, Regeln und Praktiken werden ausprobiert, angepasst oder verworfen. Was sich bewährt, bleibt. Was scheitert, verschwindet im Idealfall ohne „tödlichen“ Selektionsmechanismus, sondern durch Einsicht, Erfahrung und Veränderung.
Lernen in kleinen Einheiten – und warum das früher oft besser funktionierte
In bäuerlichen und handwerklichen Gesellschaften wurden Lebens- und Arbeitsweisen häufig innerhalb von Familien und lokalen Gemeinschaften weitergegeben. Fehler hatten meist lokale Wirkung. Wenn etwas nicht funktionierte, war das schnell sichtbar und es gab schnelle Korrekturmöglichkeiten. Misslungene Methoden wurden ersetzt, funktionierende setzten sich durch.
Übergeordnet wirkten Religion und Herrschaftsstrukturen als ordnende Faktoren. Doch auch hier konnte Fehlsteuerung dramatische Folgen haben. Hungersnöte, Kriege oder langanhaltende strukturelle Fehlentwicklungen konnten ganze Systeme erschüttern. Gerade langfristige Dekadenz- und Verfallsprozesse zeigen sich oft erst nach mehreren Generationen; dann aber häufig mit großer Wucht.

„Elitenverwahrlosung“ – ein Generationsmuster
Ein bekanntes, Otto von Bismarck zugeschriebenes Zitat beschreibt ein Muster, das viele als „Körnchen Wahrheit“ empfinden:
- Die erste Generation schafft Vermögen, die
- zweite verwaltet Vermögen, die
- dritte studiert Kunstgeschichte, und die
- vierte verkommt vollends.
Ob das Zitat historisch wirklich von Bismarck stammt, ist zweitrangig. Entscheidend ist die Idee dahinter. Mit wachsendem Wohlstand und abnehmender Notwendigkeit zum Aufbau und zur Innovation kann die Bereitschaft sinken, Verantwortung zu übernehmen, Kompetenzen zu erwerben und die Grundlagen des eigenen Gemeinwesens zu erhalten. Genau das wird heute oft als Elitenverwahrlosung beschrieben.
Wie Degeneration entsteht Vom Gründergeist zur Selbstbedienung
Am Anfang vieler gesellschaftlicher Aufstiegsphasen steht eine Generation, die aus Not heraus neue Wege findet. Sie entwickelt funktionierende und neue Lebens- und Produktionsweisen, baut Strukturen auf und gibt diese – idealerweise – an die nachfolgende, von ihr ausgebildete Generation weiter. Mit dem Erfolg werden auch bestimmte Ideale weitergegeben, nämlich Leistungsbereitschaft, Gemeinsinn und Innovationsdrang.
Mit der Zeit verblassen diese Ideale häufig. Konkurrenz und Marktsättigung nehmen zu, und es bildet sich eine neue Elite. Typisch ist dabei ein Verhalten, das sich in vielen Machtstrukturen beobachten lässt, nämlich die Abgrenzung nach innen und außen. Zugehörigkeit zu einer elitären Gruppe wird zur wichtigsten Fähigkeit. Herkunft beginnt, Aufstiegschancen stärker zu bestimmen als Leistung. Führungsstrukturen reichern sich mit Karrieristen an, und ambitionierte, aber nicht unbedingt kompetente Personen sichern ihre Position über Netzwerke statt über Können.
In späteren Generationen entsteht dann ein weiteres Problem. Menschen, die gut situiert sind, verlieren nicht selten die Verbindung zu den Voraussetzungen ihres Wohlstands. Unproduktive Beschäftigungen, Statuskämpfe und interne Rivalitäten nehmen zu. Gleichzeitig schwindet die Fachkompetenz, die nötig wäre, um komplexe Systeme zu erhalten oder weiterzuentwickeln. Der Führungsanspruch bleibt, die Fähigkeit dazu nicht.
Im Extremfall werden Führungspositionen in Politik und Wirtschaft zunehmend mit Personen besetzt, die eher durch Herkunft und Ambition als durch Kompetenz auffallen. Dann nähert sich das System einem kritischen Punkt. Es wird anfälliger nach innen und außen und es wird zur leichten Beute für aggressive Nachbarn oder gerät in eine Spirale aus Fehlentscheidungen, Ressourcenverschwendung und sozialem Zerfall. Nach einem Absturz beginnt der Zyklus oft erneut, eben mit einer neuen „Gründergeneration“.
Ein Blick nach 1945: Parallelen in Ost und West
Auch in der deutschen Geschichte nach 1945 lässt sich – in den Grundzügen – ein solcher Generationswechsel beobachten. In beiden deutschen Systemen formierten sich nach dem Krieg neue Eliten, geprägt von Erfahrungen, Entbehrungen und politischen Rahmenbedingungen des Kalten Krieges.
Im Westen konnten viele Strukturen auf wirtschaftliche Kompetenzen der nationalsozialistischen Zeit aufbauen, während im Osten Führungskader oft aus dem antifaschistischen Kampf hervorgingen. Diese hatten einen starken Idealismus, aber nicht immer mit ausreichender wirtschaftlicher und institutioneller Erfahrung. Der Osten entwickelte zunächst eine engagierte Elite, deren Nachkommen später zunehmend karrierebewusst und eigeninteressenorientiert wurden. Zusammen mit erstarrten Gründungsstrukturen trugen diese Entwicklungen zum Abstieg bei.
Im Westen setzte die Degeneration der später wohlhabend gewordenen Generationen ein. Verbunden war dies mit ideologischer Verhärtung und einer Politik, die sich zunehmend von Realitäten und Leistungsgrundlagen entfernt. In dieser Sichtweise mündet das in Fehlentwicklungen, die Staat, Wirtschaft und gesellschaftlichen Zusammenhalt schwächen.
Der Kern ist immer wieder gleich. Gesellschaften verlieren an Stabilität, wenn Kompetenz nicht mehr entscheidend ist, wenn Ideologie nüchterne Problemlösung verdrängt und wenn Eliten sich von den Folgen ihres Handelns abkoppeln. Genau dies ist heute in Deutschland zu beobachten.
Was das mit dieBasis zu tun hat
Für dieBasis ist entscheidend, dass Degeneration kein „Schicksal“ ist. Sie entsteht dort, wo Macht sich verselbständigt, Kritik unterdrückt oder lächerlich gemacht wird, wo Transparenz fehlt und Verantwortung nicht mehr übernommen werden muss. Gerade deshalb gehören Machtbegrenzung, echte Mitbestimmung und offene Debatten zu den zentralen Gegenmitteln. Wenn Entscheidungen nachvollziehbar sind, wenn Fehlentscheidungen korrigiert werden können und wenn gesellschaftliche Erfahrung nicht durch ideologische Scheuklappen ersetzt wird, sinkt die Gefahr einer inneren Erosion.
Eine lebendige Ordnung braucht nicht nur Wahlen, sondern auch Kompetenz, Fehlerkultur, Bürgernähe und institutionelle Grenzen für Macht. Wo diese Elemente fehlen, entsteht der Nährboden für Elitenverwahrlosung und am Ende für den Verlust dessen, was ein Gemeinwesen trägt.
Quellen:
[1] Das Zitat wird Otto von Bismarck zugeschrieben; eine gesicherte Primärquelle ist häufig nicht eindeutig nachweisbar.
[2] Dahn, D.; Mausfeld, R. (2022): Tam Tam und Tabu. Meinungsmanipulation von der Wendezeit bis zur Zeitenwende. Aktualisierte und erweiterte Neuauflage. Westend Verlag.