Energiepreise, Marktstruktur und die stille Niederlage des Konsumenten

Gastbeitrag von Heinrich Wohlerts

Warum steigen Energiepreise, obwohl Märkte angeblich funktionieren, und warum wirkt die Politik dabei zunehmend hilflos? Die gängigen Erklärungen verweisen auf Krisen, Engpässe oder geopolitische Spannungen, doch sie greifen zu kurz, weil sie das eigentliche Problem nicht benennen. Die Struktur des Marktes selbst verhindert wirksamen Wettbewerb.

Warum warten die Tanker?

Berichte über wartende Tanker vor europäischen Küsten existieren und werden regelmäßig dokumentiert, ohne dass sich daraus eindeutig ableiten ließe, ob es sich um strategisches Zurückhalten oder schlicht um ökonomische Optimierung handelt. Marktanalysen wie der Oil Market Report der International Energy Agency zeigen, dass Angebot, Lagerhaltung und Transport zunehmend strategisch gesteuert werden.

Oligopole als Auslöser

Entscheidend ist jedoch nicht die einzelne Beobachtung, sondern die Bedingung, unter der sie überhaupt wirksam werden kann. Diese Bedingung ist ein hoch konzentrierter Markt.

Die globalen Energiemärkte sind oligopolistisch organisiert, das heißt, wenige große Anbieter dominieren Förderung, Transport und Verarbeitung. Studien der OECD zeigen, dass gerade in Energieversorgungssystemen strukturelle Faktoren wie Infrastrukturabhängigkeit, Transportkosten und regulatorische Fragmentierung echten Wettbewerb systematisch einschränken. Auch internationale Organisationen wie UNCTAD weisen darauf hin, dass Marktkonzentration in globalen Rohstoffmärkten seit Jahren zunimmt und Wettbewerb zunehmend durch strategisches Verhalten ersetzt wird.

In einem solchen Umfeld entsteht Preisbildung nicht durch aggressiven Wettbewerb, sondern durch strategische Interdependenz. Jeder Anbieter beobachtet die anderen und vermeidet es, Preise nachhaltig zu unterbieten. Genau deshalb funktioniert auch das zeitliche Verschieben von Angeboten. Wenn alle erwarten, dass Preise steigen, wird es rational, Ware später zu verkaufen. Dieses Verhalten ist keine Verschwörung, sondern eine direkte Folge der Marktstruktur.

Diese Dynamik ist seit Jahrzehnten bekannt. Bereits klassische Wettbewerbstheorien zeigen, dass Märkte mit wenigen Anbietern stabile Gleichgewichte entwickeln, in denen Preise weniger durch Kosten als durch Erwartungen bestimmt werden. Moderne Analysen bestätigen den Zusammenhang zwischen Marktkonzentration und Preissetzung.

Die Monopolkommission als zahnloser Tiger

Die politische Dimension dieses Problems liegt darin, dass diese Strukturen trotz jahrzehntelanger Kenntnis nicht konsequent angegangen werden. In Deutschland existiert mit der Monopolkommission ein Gremium, das genau dafür geschaffen wurde, Wettbewerb zu analysieren und die Politik zu beraten. Ihre Gutachten dokumentieren seit Jahren steigende Marktkonzentration und strukturelle Defizite.

Die Monopolkommission ist formal unabhängig, hat jedoch keine Durchsetzungsmacht. Ihre Empfehlungen sind politisch nicht bindend. Ähnliche Spannungen zeigen sich beim Bundeskartellamt, das zwar Eingriffsbefugnisse besitzt, aber innerhalb eines rechtlichen und politischen Rahmens agiert, der tiefgreifende strukturelle Eingriffe erschwert. Damit entsteht ein systemisches Problem. Die Institutionen analysieren Wettbewerb, können ihn aber nicht erzwingen.

Das Transparenzdefizit als weiterer Faktor

Hinzu kommt ein erhebliches Transparenzdefizit. Die tatsächlichen Gewinne entlang der Energie-Wertschöpfungsketten sind kaum nachvollziehbar, weil globale Handelsstrukturen, interne Verrechnungspreise und regulatorische Unterschiede eine präzise Analyse erschweren. Berichte wie der World Investment Report der UNCTAD zeigen, dass ein großer Teil der Wertschöpfung statistisch schwer greifbar bleibt. Das führt zu einer paradoxen Situation. Es wird so getan, als sei der Markt transparent, tatsächlich fehlt die Datengrundlage.

Wirtschaftliche Folgen fehlender Transparenz

Die wirtschaftlichen Folgen dieser Struktur sind unmittelbar spürbar. Energiepreise wirken nicht nur an der Tankstelle, sondern durch die gesamte Volkswirtschaft. Daten der US Energy Information Administration zeigen, wie stark Energieinput Transport, Industrie und Landwirtschaft beeinflusst.

Steigende Dieselpreise verteuern Logistik und petrochemische Produkte, und erhöhen Produktionskosten beispielsweise für Düngemittel, was die Lebensmittelpreise treibt. Der Effekt ist systemisch und betrifft nahezu alle Güter.

Energiepolitik wird nicht auf Schlachtfeldern entschieden, sondern an der Tankstelle und im Supermarkt.

Das geldpolitische Dilemma

Gleichzeitig entsteht ein geldpolitisches Dilemma. Zentralbanken wie die Federal Reserve orientieren sich an der Kerninflation, in der Energiepreise bewusst ausgeklammert werden.

Diese Methodik ignoriert kurzfristige Energiepreisschocks, obwohl deren indirekte Effekte über Kostensteigerungen später wieder in die Inflation einfließen. Maßnahmen wirken auf Nachfrage, während die Ursachen der Preisentwicklung auf der Angebotsseite liegen. Das Ergebnis ist eine Konstellation, die ökonomisch gut bekannt ist. Die Preise steigen, bei gleichzeitig schwachem Wachstum.

In dieser Situation konzentrieren sich die Gewinne steigender Preise bei wenigen Produzenten, während die Kosten breit verteilt werden. Ein effektiver Mechanismus zur Abschöpfung dieser Gewinne existiert nicht. Die Marktstruktur verstärkt diese Asymmetrie.

Damit wird die eigentliche Verschiebung sichtbar. Es geht nicht um einzelne Ereignisse oder kurzfristige Marktbewegungen, sondern um ein System, das bestimmte Verhaltensweisen belohnt und andere verhindert. Märkte reagieren kurzfristig auf Erwartungen, doch die Preisstruktur zeigt die Realität.

Fazit

Die eigentliche Auseinandersetzung findet nicht zwischen Staaten statt, sondern innerhalb der Volkswirtschaften. Sie wird nicht auf Schlachtfeldern entschieden, sondern an der Tankstelle, im Supermarkt und in den Produktionskosten der Unternehmen.

Der Konsument trägt die Last eines Systems, das den Wettbewerb nur noch eingeschränkt zulässt.

Quellen:

Oil Market Report – March 2026 – https://www.iea.org/reports/oil-market-report-march-2026

Competition (OECD) – https://www.oecd.org/en/topics/competition.html

Commodities (UNCTAD) – https://unctad.org/topic/commodities

Oligopoly trends in energy markets : causes, crisis of competition, and sectoral development strategies, International Journal of Energy Economics and Policy – https://savearchive.zbw.eu/bitstream/11159/7902/1/1787103854_0.pdf

Hauptgutachten (Monopolkommission) – https://www.monopolkommission.de/de/gutachten/hauptgutachten.html

World Investment Report 2025 (UNCTAD) – https://unctad.org/publication/world-investment-report-2025

Petroleum & Other Liquids (eia) – https://www.eia.gov/petroleum/ Federal Reserve – https://www.federalreserve.gov/faqs/economy_14419.htm

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