Wenn Sprache zur Waffe wird – Nach der Wahl in Ungarn

Ein Artikel, der alles über Journalismus im heutigen Deutschland sagt

von Peter Scheller

Es geht um den Artikel „Putins trojanisches Pferd ist gestoppt“ von Sven Christian Schulz in der Sächsischen Zeitung. Es geht um die Abwahl Viktor Orbans in Ungarn.

Man muss den Text gar nicht komplett lesen. Es reicht, ein paar Formulierungen, einfach einige Sätze zu lesen und auf sich wirken zu lassen. Beispiele: „Putins trojanisches Pferd“, „enthauptet“, „illiberale Achse“. Das ist kein Bericht, es ist Framing, das gar nicht erst den Anspruch erhebt, differenziert zu sein.

Viktor Orban nach der Wahl – deutsche Medien diffamieren

„Putins Rockzipfel“ oder einfach nur ein Etikett?

Wer einem Politiker Nähe zu einem anderen Staat unterstellt, trägt Verantwortung. Es geht um mehr als ein Schlagwort. Es geht um Glaubwürdigkeit. Er muss Belege liefern. Aber wo sind überprüfbare Fakten, die diese Nähe eindeutig belegen? Oder handelt es sich schlicht um ein Etikett, das so oft wiederholt wird, bis es sich im Kopf festsetzt?

Der Begriff „Putins trojanisches Pferd“ ist dabei besonders entlarvend. Er unterstellt nicht nur Einfluss, sondern Täuschung, Verrat und Unterwanderung. Das ist ein massiver Vorwurf, und wer das schreibt, muss Beweise liefern. Tut man es nicht, ist es nur eines, nämlich Propaganda.

Das Bild des Trojanischen Pferdes zeigt, wie flexibel politische Sprache sein kann. In der Antike galt die List von Odysseus als Ausdruck von Klugheit und strategischer Überlegenheit. Später wurden die Beteiligten als Helden gefeiert. Heute hingegen steht das „trojanische Pferd“ fast ausschließlich für Täuschung, Unterwanderung und Verrat. Es ist ein klassisches Beispiel dafür, wie Begriffe je nach politischem Bedarf umgedeutet und emotional aufgeladen werden.

„Enthauptet“ – Die Sprache aus dunkleren Zeiten

Ein Politiker verliert eine Wahl, und eine deutsche Zeitung schreibt, er sei „enthauptet“ worden. Das ist die Sprache der Guillotine, die Sprache politischer Säuberungen. Die Sprache, die nicht mehr zwischen politischem Wettbewerb und Feindvernichtung unterscheidet. Man formuliert es so, weil es emotional wirkt und weil es Bilder erzeugt. Es kritisiert den politischen Gegner nicht, es vernichtet ihn symbolisch. Das ist kein Zufall, es hat Methode.

„Machtapparat aus Angst und Hass“ – Projektion oder Analyse?

Der Artikel spricht von einem „Machtapparat, der auf Angst, Hass und Hetze“ basiert. Eine entlarvende These, die eigentlich nicht den kritisierten Politiker beschreibt. Es scheint, als beschreibe der Autor ungewollt das eigene System.

Die Europäische Union ist ein komplexes Gebilde mit erheblichen demokratischen Defiziten. Die zentrale Macht liegt bei Institutionen wie der Kommission, deren Mitglieder nicht direkt gewählt werden. Entscheidungen entstehen oft fern der nationalen Parlamente.

Wenn man von „Machtapparat“ spricht, lohnt sich folgende Überlegung: Die EU präsentiert sich als moralische Instanz. Aber mit welcher Legitimität? Vollkommen entlarvend ist der Satz: „Brüssel erwartet Verlässlichkeit.“ Wer genau ist „Brüssel“ – eigentlich nur die Hauptstadt Belgiens – und wer hat dieses Gebilde mit der Autorität ausgestattet, politische Erwartungen an gewählte Regierungen zu formulieren? Die EU ist kein souveräner Staat mit direkter demokratischer Legitimation. Und doch spricht sie in einer Sprache, als wäre sie genau das. Wenn Medien diese Sprache unkritisch übernehmen, verstärken sie diesen Eindruck, ohne ihn zu hinterfragen.

Die „Achse des Bösen“ in neuem Gewand

Die Formulierung einer „illiberalen Achse von Washington bis Moskau“ erinnert an alte geopolitische Narrative. Früher hieß das „Achse des Bösen“. Heute wird das Muster neu befeuert: Washington – Budapest – Moskau. Man konstruiert neue Fronten und ordnet Akteure neu ein. Man definiert, wer dazugehört und wer nicht, und plötzlich steht Europa „am Abgrund“.

Besonders kritisch wird es bei den angeblichen „geheimen Verbindungen“ zwischen Budapest und Moskau. „Berichte kamen ans Licht“, heißt es. Um welche Berichte handelt es sich, von wem kamen sie und wurden sie unabhängig überprüft? Man verweist auf „Berichte“ und erzeugt damit den Eindruck von Fakten. Das ist ein bekanntes Muster. Es funktioniert gut, weil es sich schwer widerlegen lässt. Wer gegen eine unbewiesene Behauptung liefert, wirkt wie jemand, der etwas verteidigt. Propaganda erkennt man oft daran, dass sie anderen Propaganda vorwirft.

Ein besonders aufschlussreicher Satz lautet: „Jahrelange Propaganda verschwindet nicht mit einem Wahlabend.“ Das mag stimmen. Aber wer so schreibt, sollte sich eine Frage gefallen lassen: Gilt das nicht auch für die eigene Berichterstattung? Wer permanent mit emotional aufgeladenen Begriffen arbeitet, wer politische Gegner dämonisiert und komplexe Zusammenhänge auf Schlagworte reduziert, der ist nicht Beobachter, und seine Behauptungen setzen sich im Gehirn des Lesers fest.

Teil des Spiels

Es geht gar nicht um den konkret kritisierten Politiker. Es geht um etwas Grundsätzlicheres, nämlich darum, wie das Mediensystem mit Abweichlern umgeht, mit Politikern, die bestehende Strukturen infrage stellen. Wer nicht ins Bild passt, wird zum Problem erklärt. Dann folgen entsprechende Etikettierungen, Zuspitzungen und moralische Urteile.

Man kann den kritisierten Politiker ablehnen. Man kann seine Positionen für falsch halten. Das gehört zur Demokratie. Aber man muss auch die Frage stellen dürfen, ob er nicht in bestimmten Punkten eine andere Strategie verfolgt hat, etwa den Versuch, Konflikte diplomatisch zu lösen, statt sie weiter zu eskalieren. Diese Perspektive kommt in solchen Artikeln nicht vor.

Fazit

Dieser Artikel ist keine Analyse, sondern ein Beispiel dafür, wie Sprache eingesetzt wird, um politische Wirklichkeit zu formen. Wer so schreibt, informiert nicht, sondern er lenkt, bewertet und setzt Deutungsrahmen. Und genau deshalb sollte man solche Texte nicht einfach lesen. Man sollte sie auseinandernehmen. Satz für Satz. Begriff für Begriff.

Das Urteil ist eindeutig und führt automatisch zu folgender Frage: Wenn das Journalismus ist, wer betreibt dann eigentlich noch Aufklärung?

Aus Sicht der dieBasis braucht es gerade in aufgeheizten Zeiten keine sprachlichen Eskalationen, sondern Fairness, saubere Trennung von Fakten und Meinung sowie echte Aufklärung, die den Bürger in die Lage versetzt, sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Quelle:

https://www.rnd.de/politik/ungarn-wahl-orban-abgewaehlt-putins-trojanisches-pferd-ist-gestoppt-JVDE46KE4BBCDCKN3MHNDQYXRY.html

 

Kontakt zur Redaktion der Basis: