Kann Versöhnung gelingen?

Die Coronazeit spaltete unsere Gesellschaft. Sechs Jahre später sollte ein Gedenktag wieder Brücken bauen. Bundesweit wurde dieser Tag erstmalig in unterschiedlicher Form begangen.

Gastbeitrag von Anne Krämer

Spaltung statt Vertrauen und Dialog

Die Jahre der Corona-Politik haben tiefe Spuren hinterlassen. Was als gesundheitliche Ausnahmesituation begann, hat das gesellschaftliche Miteinander grundlegend verändert. Vertrauen wurde erschüttert, Beziehungen sind zerbrochen, und bis heute fehlt vielerorts die Bereitschaft, das Erlebte ehrlich aufzuarbeiten. Während die einen genau das einfordern, möchten sich andere lieber nicht mehr damit auseinandersetzen. Dazwischen liegt eine Spaltung, die sich nicht einfach von selbst schließt.

Initiative für Austausch

Sechs Jahre nach dem ersten bundesweiten Lockdown, der am 22. März 2020 begann, sollte der Corona-Gedenktag einen gemeinsamen Rückblick beider Sichtweisen auf die Coronazeit ermöglichen. Ein Anlass, wieder miteinander ins Gespräch zu kommen, nicht über Schlagzeilen, sondern von Mensch zu Mensch.

Initiiert wurde diese Idee von der Arbeitsgruppe Aufklärung des ZAAVV (Zentrum für Aufarbeitung, Aufklärung, juristische Verfolgung und Verhinderung). Statt auf lautstarken Protest setzten die Beteiligten bewusst auf Dialog, persönliche Geschichten und die Bereitschaft, auch unbequeme Perspektiven stehen zu lassen. Trotz kurzer Vorbereitungszeit entstanden über 20 Veranstaltungen, von Kiel bis ins Allgäu, von Saarbrücken bis Dresden, von Berlin bis München, von Hameln bis Plauen. Die Vorgabe der Gestaltung war bewusst offengehalten. „Macht es so, wie ihr es möchtet, wie ihr es fühlt, wie ihr auch die Möglichkeiten habt.“, so die Initiatoren zu den Veranstaltern. Diese Freiheit führte nicht zu Beliebigkeit, sondern zu einer bemerkenswerten Vielfalt mit dem gemeinsamen Ziel, die Menschen wieder in Verbindung zu bringen.

Raum für Verlust und Schmerz

In Dieburg, wo sich sonst ein kleiner Kreis von 10 bis 15 Aktivisten trifft, entstand mit einem Infotisch am dortigen Markttag ein Ort für Austausch. Eine Passantin erzählte unter Tränen, wie sie in dieser Zeit ihre gesamte Familie verloren hatte. Ihr Vater, ihre Mutter und ihr Bruder starben nach ihrer Aussage an Corona. In diesem Moment zeigte sich, wie komplex diese Erfahrungen sind, und wie wenig sie in einfache Kategorien passen. Es war kein politisches Argument, sondern ein menschlicher Ausdruck von Verlust und Schmerz.

Corona Gedenktag in Dieburg

Begegnungsraum mit Live-Musik

In Wolfenbüttel gelang mit Live-Musik, einer Straßengalerie, einem Infostand mit Flyern und einem großen ZAAVV-Banner ein offener Diskursraum. Der Pianist Arne Schmidt spielte Klavier, Passanten blieben stehen, Gespräche entwickelten sich. Ein junges Studentenpaar diskutierte die Pandemiezeit aus zwei völlig unterschiedlichen Blickwinkeln. Für ihn war es wegen der Lockdowns eine Phase der Ruhe, für sie eine Zeit der Bevormundung. Bemerkenswert war, was danach geschah. Das Paar kam später noch einmal zurück, suchte erneut das Gespräch und verabschiedete sich mit einem „Weitermachen!“. Die Veranstalter freuten sich darüber, dass hier echter Austausch möglich wurde.

Aufmerksamkeit durch Performance

In Saarbrücken wagten Aktive mitten in der Fußgängerzone eine aufwendige Kunstaktion. Weiß gekleidete Darsteller sollten die 70 Prozent der Bevölkerung symbolisieren, schwarz gekleidete die 30 Prozent kritischer Stimmen. Eine imaginäre Brücke sollte die Überwindung dieser Trennung darstellen. Die Idee war stark und die Umsetzung engagiert. Am Infostand mit Büchertisch entstand so manches Gespräch.

Erinnerung an rot-weißes Flatterband

Um mit den Passanten ins Gespräch zu kommen, zog das Orga-Team in Hameln neben Infostand, Plakaten und Büchertisch, besondere Aufmerksamkeit auf sich: Um den fatalen Umgang mit den Kindern während der Coronazeit ins Gedächtnis zurückzurufen, hatten die Veranstalter eine große Puppe mit einer Maske auf einen Stuhl platziert und noch mit einem rot-weißen Flatterband umzäunt, was schmerzlich an die „verbotene“ Zone der Kinderspielplätze erinnerte. Mit ihrem „Trauertisch“ mit weißer Tischdecke, weißen Rosen, weißer Kerze und einer Engelsfigur erinnerten sie an die Opfer und Leidtragenden der Coronazeit.

Gedenktag in Montagsspaziergang integriert

In der Nähe von Chemnitz, in Frankfurt am Main, in Bensheim und in Bonn integrierten die Veranstalter den Gedenktag in ihren traditionellen Montagsspaziergang. In den Reden wurde betont, wie wichtig es für die Gesellschaft bis in die Familien hinein ist, die Spaltung zu überwinden. Flyer wurden verteilt und so erreichten auch hier die Veranstalter viele Passanten. Und in Frankfurt am Main wurde über einen großen Monitor Videos über die Coronazeit präsentiert, was besondere Aufmerksamkeit hervorrief.

Interesse bei lokaler Presse geweckt

In Schwäbisch Gmünd gelang Aufmerksamkeit und Austausch mit einer Gedenkstunde mit Musik, Ansprachen und einer Schweigeminute für alle Opfer und Leidtragenden der Coronazeit. Das angebotene offene Mikrofon wurde noch nicht so genutzt, wie von der Veranstalterin erhofft. Stattdessen wurden von verschiedenen Mitstreitern neben ihren eigenen Erlebnissen auch die von anderen, die sich nicht trauten, öffentlich zu sprechen, verlesen. Sehr positiv war, dass die lokale Presse berichtete, neutral und ohne Framing. Sie zitierte dabei auch die am Mikro vorgetragenen Erzählungen. Es folgte ein Leserbrief, der die Veranstaltung kritisierte. Die Veranstalterin reagierte öffentlich: „Nur über das Gespräch und das Zuhören des anderen kann man Verständnis entwickeln, und so beginnt Versöhnung.“ So entstand ein Diskurs, wenn auch hinterher. Ein Anfang. Auch der SWR zeigte Interesse, nahm die schriftliche persönliche Einladung der Organisatorin aber doch nicht wahr, um sich vor Ort ein eigenes Bild zu machen. Aber wer weiß, vielleicht war derjenige da und sein Bericht wurde nicht vom SWR gesendet? An dieser Stelle sei erwähnt: Die Initiatoren hatten sämtliche Medien deutschlandweit mit einer Pressemitteilung im Vorfeld informiert. Es wäre wünschenswert, wenn sich im nächsten Jahr mehr Interesse der Presse, sowohl des ÖRF als auch der freien Medien, wecken ließe.

Corona Gedenktag Impression

Aufmerksamkeit durch „Schneemänner“

Die Veranstalter in Essen nutzten das Konzept der „Schneemänner in Würde“ von Hannover, um maximale Aufmerksamkeit zu erzielen. Auf ihren Plakaten standen Aussagen, die an die schmerzlichen Situationen während der Coronazeit erinnerten, wie zum Beispiel „Wisst Ihr noch? Als ihr Weihnachten nicht mit allen euren Liebsten feiern durftet?“ Über diese Ansprache gelang es, mit vielen Bürgern ins Gespräch zu kommen.

Ein Antrag im Kieler Stadtrat

Die Idee der Initiatoren, in öffentlichen Räumen zu Podiumsdiskussionen beider Sichtweisen einzuladen, griff der dieBasis-Ratsherr Ansgar Stalder auf und stellte den Antrag zur offiziellen Beteiligung der Stadt Kiel an dem Corona-Gedenktag. In diesem Antrag wurde erklärt, wie tief die Gräben noch immer in der Gesellschaft sind und dass die Spaltung dringend überwunden werden muss. Der Ratsherr betonte, dass es deshalb wichtig sei, dass die Menschen wieder miteinander ins Gespräch kommen und Brücken zu bauen. Ein Ratsmitglied der AfD unterstützte in seiner Rede die Idee des Gedenktages u.a. mit den Worten: „Ich finde, es sollte eine gesamtgesellschaftliche Diskussion bleiben, denn wir haben alle unsere eigenen individuellen Erfahrungen in der Pandemie gemacht. Da sollten wir in den Austausch gehen.“

Leider sahen die Vertreter der anderen Parteien das anders und gingen nur auf die an Corona Verstorbenen ein. Sie lobten die Arbeit der Kieler Stadtbehörden, die sich doch bemüht hatten, das Gesundheitssystem nicht zu überlasten: kein Wort zu unnötigen Maßnahmen, zu deren Folgen für Leib und Leben, kein Wort zum Leiden der Kinder und Jugendlichen, kein Wort zu der Existenzvernichtung von mittelständischen Unternehmen. Stattdessen gab es Beschimpfungen. In einer der Gegenreden wurde auszugsweise gesagt: „Es ist absolut frevelhaft, dass hier solche Debatten geführt werden, dass man es negiere, was hier passiert ist, und es in die Nähe eines Menschenverbrechens rückt. Denn das ist das, was das ZAAVV macht. Das ist unerträglich, das ist falsch.“ Er ergänzte u.a., dass es wieder Pandemien geben wird. Worin er das begründet sieht, erklärte er nicht. Ein anderer Redner warf ein, dass es sich bei dem Gründer des ZAAVV um den Querdenkeranwalt und Mitgründer der dieBasis handelt, und dann würde ja die Stadt Kiel bei Befürwortung des Gedenktages Gefahr laufen, in Verbindung mit den Querdenker-Ansinnen gebracht zu werden. Eine Ratsfrau nannte es eine merkwürdige Debatte, da sie meinte, es ginge ja nicht, einen Gedenktag nach einer Erkrankung zu benennen. Und sie unterstellte, dass keiner an die Opfer denken würde und dass Antidemokraten Corona als Diagnose benutzen würden, um einen Gedenktag zu fabulieren. Sie lehnte daher den Antrag ab mit den Worten: „Das ist absurd.“ Dass der Antrag von den übrigen Ratsmitgliedern abgelehnt wurde, war somit keine Überraschung. Im Anschluss wurde dem Ratsherrn für eine Gedenkveranstaltung auch ein Saal verwehrt, der aber jedem der Ratsmitglieder für öffentliche Veranstaltungen kostenfrei zur Verfügung steht. 

An diesem Beispiel lässt sich erkennen, dass auch auf kommunaler Ebene keine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Thema Spaltung der Gesellschaft stattfindet. Wohl auch, weil dort Verantwortliche für nicht wirksame Maßnahmen nicht bereit sind, Fehler einzugestehen und Verantwortung zu übernehmen. Stattdessen ist die Diskreditierung der Kritiker ein hilfreiches Mittel, um von sich abzulenken. Bereitschaft zum respektvollen Diskurs: Fehlanzeige. Fazit: Auf kommunaler Ebene ist noch keine oder wenig Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit den Geschehnissen. Dennoch sollte es alle Ratsherren, die sich einen Diskurs über die Spaltung wünschen, ermuntern, im kommenden Jahr, vermehrt diese Möglichkeit zu nutzen, den Gedenktag zu begehen, um diesen auch in den kommunalen Fokus zu bringen.

Straßen-Galerie provoziert

In Berlin und Hannover nutzten Veranstalter am Gedenktag ihre selbst gestalteten Straßen-Galerien, um mit Passanten in den Dialog über die Corona-Zeit zu kommen. An endlos wirkenden Leinen hingen Infotafeln mit Fakten, Zahlen und Statistiken, die das Interesse der Passanten schon von weitem weckten. Beim näheren Hinschauen entstanden Fragen, manchmal Irritation, und an der Stelle entwickeln sich dann oft Gespräche.

Diese Form der Begegnung hat sich bereits seit 2021 in vielen Städten Deutschlands etabliert. Sie bietet eine gute Möglichkeit, Menschen auf der Straße zu erreichen, zum Nachdenken anzuregen und unterschiedliche Perspektiven miteinander ins Gespräch zu bringen. Gerade weil viele Fragen rund um die Corona-Jahre bis heute nicht abschließend geklärt sind, entsteht hier ein Raum für Austausch, der nicht von Institutionen vorgegeben ist, sondern von Bürgern selbst gestaltet wird.

Corona Gedenktag Bergisch Gladbach

Klappstuhlcafé findet guten Anklang

In Bergisch Gladbach, Memmingen und Pulheim luden die Veranstalter zum gemütlichen Austausch bei Kaffee und Kuchen ein, gedeckt auf weißen Tischtüchern und mit Blümchen dekoriert. Diese Einladung kam bei Passanten gut an und so ergab sich manch freundliches Gespräch. In Bergisch Gladbach freute sich das Orgateam besonders über reges Interesse von Jugendlichen, mit denen sie sich lange unterhielten. In Pulheim war die Idee entstanden, Passanten zu bitten, auf ein Plakat zu schreiben – auf die eine Seite, was ihnen die Corona-Zeit genommen hat, und auf die andere Seite, was ihnen die Corona-Zeit gegeben hat. Ein besonderer Spruch lud in Memmingen auf einem Plakatständer zum Innehalten ein: Es geht nicht gut nebeneinander und nicht hintereinander, schon gar nicht gegeneinander, es geht nur miteinander. Mit den Klappstuhlcafés war es den Organisatoren gelungen, besonders schöne Begegnungsstätten zu schaffen.

Begleitet wurden die vielen Veranstaltungen mit den eigens komponierten Songs zum Gedenktag. Die Songs, eine Auswahl an Fotos und Videos von den Veranstaltungen und alle Informationen zum Gedenktag findet man auf der Webseite www.corona-gedenktag.de.  

Beitragsbild Corona Gedenkta – Kann Versöhnung gelingen?

Was vom Tage bleibt

Die Erfahrungen der Veranstaltungen zeigen, dass die Bereitschaft zum Zuhören noch unterschiedlich ist. Während einige Menschen offen ins Gespräch gehen, reagieren andere mit Ablehnung, mit einem Blick, der „durch einen hindurchgeht“, wie es eine Veranstalterin beschrieb. Diese Leere ist vielleicht eines der deutlichsten Zeichen dafür, wie tief die Verunsicherung sitzt, mit der Gegenansicht ins Gespräch zu gehen.

Innerhalb der kritischen Stimmen ist für manchen eine Versöhnung ohne klare politische Aufarbeitung nicht denkbar. Ohne Aufarbeitung bleibt ein Gefühl von Ungerechtigkeit bestehen. Doch ohne Dialog im Alltag bleibt die Gesellschaft zerrissen. Beides gehört zusammen. Der Gedenktag setzt im Kleinen an. Eine Organisatorin formulierte es treffend: „Die politische Aufarbeitung müsse in Berlin stattfinden, doch im direkten Umfeld gehe es darum, wieder miteinander sprechen zu können.“

Der diesjährige Corona-Gedenktag hat gezeigt, dass Dialog möglich ist, wenn man Begegnungsräume dafür schafft. Es wurde sichtbar, was oft übersehen wird: Verständigung beginnt nicht in großen Debatten, sondern in konkreten Begegnungen. Dort, wo Menschen bereit sind, einander wirklich zuzuhören, entsteht etwas, das keine politische Maßnahme ersetzen kann. Darin sind sich alle Veranstalter und die Initiatoren einig. Die Wunden sind noch da. Und vielleicht ist genau das die ehrlichste Erkenntnis: dass Heilung Zeit braucht. Und es braucht den Willen auf beiden Seiten, sich der eigenen Geschichte zu stellen.

Mit diesen Erfahrungen geht das Team Aufklärung des ZAAVV ab November 2026 hochmotiviert in die Vorbereitungen des nächsten Gedenktages, der vom 19. bis 22. März 2027 wieder in ganz Deutschland begangen werden soll. Die Initiatoren hoffen, viele weitere Organisatoren inspiriert  zu haben, sich mit einer Veranstaltung am nächsten Gedenktag zu beteiligen. Wer möchte, kann sich bereits jetzt als Veranstalter für den nächsten Gedenktag anmelden. 

Vielleicht ist dann die Gesellschaft noch ein bisschen offener geworden und zu mehr Dialog bereit, um die Spaltung zu überwinden.

Denn es ist klar, jede Heilung braucht ihre Zeit. Und den Mut zur Begegnung.

 

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