von Peter Scheller
Ein Dinner-Eklat als Symptom
Davos ist jedes Jahr der Ort, an dem Politik, Großkonzerne und Spitzen der Finanzwelt miteinander sprechen; dies oft fernab dessen, was Bürgerinnen und Bürger im Alltag bewegt. Umso bezeichnender ist ein Vorfall beim Weltwirtschaftsforum 2026. Bei einem exklusiven Dinner eskalierte die Stimmung, als der US-Handelsminister Howard Lutnick Europa scharf kritisierte. Es kam zu Buhrufen, mehrere Gäste – darunter auch EZB-Präsidentin Christine Lagarde – verließen den Saal. Gastgeber Larry Fink (BlackRock) beendete das Dinner schließlich vorzeitig.
Man kann diesen Abend als bloße Anekdote abtun. Man kann es auch als Krisensymptom verstehen. Den europäischen Führern wurde mit der Kritik an dem Umgang mit kritischen Meinungen, der Machtkonzentration und der demokratischen Legitimation ein Spiegel vorgehalten.

Was ist in Davos passiert und weshalb war es mehr als „schlechtes Benehmen“?
Nach übereinstimmenden Berichten hielt Lutnick eine provokante Rede mit deutlicher Europa-Kritik, die Zwischenrufe auslöste. Lagarde soll daraufhin den Raum verlassen haben.
Der genaue Wortlaut ist dabei zweitrangig. Entscheidend ist die Symbolik. Ein Treffen, das sich gern als „Dialogplattform“ präsentiert, endet im Aufruhr und die Spitze der europäischen Geldpolitik setzt ein demonstratives Zeichen des Abbruchs.
Natürlich kann ein Abgang auch eine klare Grenzziehung sein. Niemand muss sich Beschimpfungen anhören. Aber wer europäische Handlungsfähigkeit verkörpern will, muss Kritik aushalten und offensichtlich berechtigte Fragen beantworten können.
Europas Achillesferse: Elitenkommunikation statt Problemlösung
Die Debatte, die danach losbrach, ging schnell in eine Richtung mit den Schwerpunkten „Europa ist im Abstieg“, „zu bürokratisch“, „zu wenig innovationsfähig“ und „kritikresistent“.
Doch selbst wenn man solche Diagnosen für überzogen hält, bleibt ein Kernpunkt. Der europäische Politikstil wirkt wie ein PR-Management von Konflikten, statt wie ein offener Diskurs zur Lösung von Herausforderungen.
Wer „falsche“ Kritik reflexhaft als Unanständigkeit abstempelt, vermeidet den inhaltlichen Kern: Energiepreise, Wettbewerbsfähigkeit, Digitalisierung, Abhängigkeiten – und das demokratische Problem, dass viele Weichenstellungen als alternativlos verkauft werden.
Lagarde als Symbolfigur: Kompetenz versus demokratische Distanz
Christine Lagarde steht nicht nur als Person in der Kritik. Sie steht als Symbol für ein System, in dem Geldpolitik enorme gesellschaftliche Nebenwirkungen erzeugt, aber politisch kaum zu begründen ist. Zentralbanken sind formal unabhängig. Das ist bewusst so gebaut. Aber Unabhängigkeit ersetzt keine demokratische Debatte über Folgen.
Wenn Europas Antwort auf Provokation darin besteht, die Bühne zu verlassen, wirkt das nicht souverän, sondern wie ein Kommunikationsverzicht einer Führungsschicht, die ihren Legitimationskonflikt kennt, aber nicht lösen will.
Davos und die Demokratiefrage
Die zusammengekommene Gruppe in Davos ist keine Regierung und kein Parlament. Aber es ist ein Ort, an dem globale Interessen gebündelt werden. Genau deshalb ist es demokratisch sensibel. Bürger nehmen zunehmend wahr, dass Entscheidungen „oben“ in Expertengremien, Lobbynetzwerken und internationalen Formaten vorbereitet werden, während „unten“ nur noch verwaltet und erklärt wird.
Diese Schere wird gefährlich, wenn öffentliche Institutionen auf Kritik nicht mit Transparenz reagieren, sondern mit Abwehr. Der politische Preis ist immer derselbe: Vertrauensverlust, Politikverdrossenheit, Radikalisierungsspiralen.
Historische Parallele: Systeme scheitern selten an Gegnern, sondern an einer Wagenburgmentalität
Geschichte zeigt, dass politische Eliten den Kontakt zur gesellschaftlichen Wirklichkeit verlieren. Ob das späte Ancien Régime, die späte Sowjetunion oder auch die demokratische Krisengemeinschaft in Europa: Sie erreichen immer wieder eine Phase, in der eine Führungsschicht sich für unersetzlich hält und Kritik nur noch als Störung behandelt.
Der Davos-Vorfall ist ein Beispiel für geschlossene Zirkel, moralische Selbstgewissheit, geringe Fehlerkultur und die Neigung, abweichende Stimmen als Problem zu definieren.
Was kann dieBasis daraus ableitet?
Für dieBasis ist dieser Vorfall ein weiteres Zeichen dafür, dass Europa nicht an zu wenig „Expertise“ leidet, sondern an zu wenig Machtbegrenzung, Transparenz und echter Bürgerbeteiligung. Die Antwort auf politische und wirtschaftliche Krisen kann nicht sein, dass sich Eliten in exklusiven Räumen gegenseitig bestätigen, sondern dass Entscheidungen wieder nachvollziehbar „von unten nach oben entstehen“, getragen von Debattenfreiheit und Schwarmintelligenz.
Kritik muss ausgehalten werden, aber sie muss auch in Lösungen übersetzt werden, die den Menschen dienen.
Quellen
FOCUS Online – Eklat bei Davos-Dinner (22.01.2026)
https://www.focus.de/politik/ausland/eklat-bei-davos-dinner-trump-minister-wird-ausgebuht-lagarde-verlaesst-den-saal_13d1f99b-2742-4b55-a2ca-84912e12b38f.html
dieBasis – 4 Säulen (Freiheit, Machtbegrenzung, Achtsamkeit, Schwarmintelligenz)
https://diebasis-partei.de/partei/4-saeulen/
dieBasis – Wahlprogramm 2025
https://www.bundestagswahl-bw.de/fileadmin/bundestagswahl-bw/2025/Parteien_und_Spitzenkandidierende/Weitere_Parteien/dieBasis-Programm-BTW-2025-final.pdf