Gastbeitrag von Anne Krämer
Sechs Jahre nach dem ersten bundesweiten Lockdown entsteht eine neue Form des Gedenkens: Am 22. März 2026 plant das ZAAVV, das Zentrum für Aufarbeitung, Aufklärung, juristische Verfolgung und Verhinderung von Verbrechen gegen die Menschheit aufgrund der Corona-Maßnahmen, speziell die Arbeitsgruppe Aufklärung, mit dem Gedenktag künftig an die Opfer der Coronazeit zu erinnern – leise, dezentral und ohne politische Inszenierung.
Warum der 22. März?
Der 22. März 2020 markierte für Millionen Menschen einen Einschnitt. Geschäfte schlossen, Kontakte wurden drastisch reduziert, Schulen und Kulturstätten blieben leer. Was als gesundheitspolitische Notmaßnahme begann, entwickelte sich zu einer der tiefgreifendsten gesellschaftlichen Erfahrungen der Nachkriegszeit. Neben den gesundheitlichen Folgen hinterließ die Pandemie auch soziale, psychische und wirtschaftliche Spuren.
Während es für viele historische Ereignisse feste Gedenktage gibt, fehlt bislang ein gemeinsamer Ort für die vielfältigen menschlichen Erfahrungen dieser Zeit. Genau hier setzt der neue Gedenktag an. Er versteht sich nicht als politische Bewertung der Maßnahmen, sondern als Raum für Erinnerung und Anerkennung.

Erinnerung ohne Vorgaben
Das Besondere: Es gibt keine zentrale Veranstaltung, keine staatliche Organisation, keine einheitliche Botschaft. Jede Form des Gedenkens ist möglich – vom stillen Innehalten bis zu Gesprächsrunden oder kleinen lokalen Initiativen. Die Initiatoren setzen bewusst auf Freiwilligkeit und Selbstbestimmung.
Der Tag soll Menschen zusammenbringen, deren Erfahrungen während der Corona-Jahre sehr unterschiedlich waren: Angehörige von Verstorbenen, Menschen mit Long Covid, Selbstständige mit wirtschaftlichen Verlusten, Kinder und Jugendliche mit Bildungsdefiziten, Pflegekräfte, Alleinlebende, Familien in Ausnahmesituationen – aber auch jene, die sich gesellschaftlich unter Druck gesetzt oder ausgegrenzt fühlten.
Wer als „Opfer“ gilt, wird dabei nicht definiert oder hierarchisiert. Der Ansatz ist inklusiv: Leid soll nicht verglichen, sondern anerkannt werden.
Gegen das Schweigen
Gesellschaftliche Krisen hinterlassen nicht nur Statistiken, sondern auch Erfahrungen. Viele Menschen berichten bis heute von Einsamkeit, Überforderung oder Konflikten im privaten und öffentlichen Raum. Ein gemeinsamer Gedenktag könne helfen, diese Erfahrungen sichtbar zu machen und Dialog zu ermöglichen, so die Unterstützer der Initiative.
Die Idee dahinter: Unausgesprochenes wirkt weiter. Erinnerung dagegen schafft die Möglichkeit zur Verarbeitung – individuell und gesellschaftlich. Dabei geht es nicht um Schuldfragen, sondern um die Anerkennung dessen, was war.
Ein Datum mit Symbolkraft
Die Wahl des 22. März ist bewusst getroffen. Der erste bundesweite Lockdown gilt als unstrittiger Wendepunkt, unabhängig davon, wie einzelne Maßnahmen heute bewertet werden. Das Datum steht für einen kollektiven Einschnitt – die Deutung bleibt offen. Ob sich der Gedenktag etabliert, wird sich zeigen. Seine Initiatoren hoffen, dass er langfristig zu mehr Verständnis beiträgt. In einer Zeit, in der Debatten über die Pandemie teils verhärtet geführt werden, setzt die Initiative auf einen anderen Weg: Erinnerung nicht als Anklage, sondern als Brücke. Denn Aufarbeitung beginnt oft dort, wo Menschen sich gehört fühlen.
Alle Informationen und wo Veranstaltungen stattfinden findet ihr auf der Webseite: www.corona-gedenktag.de