Bericht von der Friedensdemonstration am 14. Februar 2026 in München
Gastbeitrag von Anne Krämer
Ein Blick hinter und vor die Kulissen der Münchener Demo auf dem Odeonsplatz am 14. Februar 2026, veranstaltet vom Bündnis „Macht Frieden“. Die Redner, u.a. Dr. Eugen Drewermann und Prof. Dr. Ulrike Guérot, setzen sich leidenschaftlich für Diplomatie statt Krieg ein, während die Veranstaltung Lagergrenzen überwinden will.
Ein kalter, nasser Februartag in München: straffe Polizeiansagen, Zeitdruck, Vermummungsverbot – und dazwischen eine eigentümliche Wärme, die entsteht, wenn Menschen trotz allem miteinander reden wollen. Das Bündnis „Macht Frieden“ ist weniger eine Veranstaltung als ein Versuch, eine andere Grammatik der Politik hörbar zu machen: Diplomatie statt Kriegsrhetorik, Grundrechte statt Ausnahmezustand, Gespräch statt Lagerkampf. Die Veranstalter: Dr. Mona Aranea vom Friedensbündnis NRW koordiniert das Bündnis. Jürgen Müller hat die Rolle des Pressesprechers inne. Oli Hannemann kümmert sich um die Anmeldung, während Pascal Schmidt als Versammlungsleiter fungiert. Die vier und ihre Mitstreiter präsentieren keinen eigen glattgebügelten Protest, sondern eine Bewegung, die mit sich selbst ständig verhandelt: Wer darf hier sprechen? Wer gehört dazu? Und was „kostet“ es, Frieden zu fordern, wenn der Zeitgeist „Kriegstüchtigkeit“ ruft?
Misstrauen gegenüber offizieller Semantik
Die Menschen hier vereint das Misstrauen gegenüber offizieller Semantik. „Sicherheitskonferenz“ bedeutet für die Veranstalter und Redner der Demo: Kriegsrat, Kriegskonferenz, euphemistische Tarnung. Wahrheit entsteht hier nicht durch Expertise oder das Zitieren von Strategiepapiere, sondern durch Erfahrung. Für viele Menschen hier waren die vergangenen Jahre ein Scharnier, in dem Grundrechte „abgewogen“ wurden, Kontakte reglementiert, Versammlungen begrenzt, Meinungen unterdrückt – und damit eine Verfassungskrise für sie sichtbar wurde. Neben der Krieg-oder-Frieden-Frage stellen sich die Teilnehmer auch die Fragen dahinter: Werden die Menschen wieder falschen Narrativen glauben? Sind es wieder dieselben Player? Wer profitiert am Ende?
Die Demonstranten und ihre Redner leben von dieser Spannung: Hier spricht keine akademische Konferenz, sondern eine Gegenöffentlichkeit, die sich nicht mehr belehren lassen will, weil sie weiß, schon oftmals belogen worden zu sein. Die Redner bringen es auf den Punkt: Macht Frieden, bevor es zu spät ist!

Redner und ihre Positionen
Dr. Eugen Drewermann kritisiert die Sicherheitskonferenz scharf und vertritt die Ansicht, dass Aufrüstung und Eskalation keinen Frieden schaffen, sondern bestehende Konflikte weiter antreiben. Er betont, dass echter Frieden nur durch Abrüstung möglich ist. Atomwaffen und die kirchliche Rechtfertigung eines „gerechten Krieges“ lehnt er entschieden ab. Außerdem sieht er im Kapitalismus ein System ständiger Konkurrenz, das Kriege um Ressourcen, Märkte und Macht begünstigt. Zudem kritisiert er die zunehmende Militarisierung der Gesellschaft sowie die Entmenschlichung durch militärische Ausbildung.
Ruth Firmenich (BSW), seit Juli 2024 fraktionsloses Mitglied des Europäischen Parlaments, kritisiert scharf die EU-Politik im Ukraine-Krieg. Ihrer Meinung nach schränkt die EU durch Sanktionen gegen Kritiker die Meinungsfreiheit ein, anstatt ernsthaft diplomatische Lösungen zu suchen. Sie wirft der EU vor, keine echten Friedensinitiativen zu betreiben, sondern militärische Aufrüstung zu fördern und die „Bedrohung durch Russland“ als Vorwand für den Abbau von Freiheitsrechten zu nutzen. Firmenich fordert, den Krieg sofort durch Verhandlungen zu beenden, die Sanktionen gegen Journalisten und Kriegsgegner aufzuheben und von einer militärisch geprägten Politik zu Diplomatie und Kooperation mit Russland zu wechseln.
Prof. Dr. Ulrike Guérot sieht den Militarismus tief in der deutschen Gesellschaft verankert – nicht nur am konservativen Rand, sondern ebenso in der politischen Mitte sowie in etablierten Institutionen wie Kirchen und Gewerkschaften. Sie wirft der Gesellschaft vor, unbequeme Tatsachen – etwa im Zusammenhang mit dem Ukrainekrieg und dem Nord-Stream-Anschlag – nicht klar zu benennen und Verantwortlichkeiten zu meiden. Diese Verdrängung begünstige Doppelmoral und eine weitere Eskalation. Zugleich warnt sie vor einer geistigen Krise Europas: Wenn Trauer und Schuld nicht aufgearbeitet würden, drohten politische Verrohung und autoritäre Tendenzen. Europa solle die gegenwärtige historische Lage nutzen, sich außenpolitisch eigenständiger zu positionieren und aktiv an einer multipolaren Weltordnung mitzuwirken – jenseits enger transatlantischer Bindungen.
Rechtsanwalt Michael Aggelidis, stellvertretender Landesvorsitzender dieBasis NRW, fordert Friedensverhandlungen mit Russland und wendet sich gegen Waffenlieferungen sowie eine weitere militärische Eskalation im Ukrainekrieg. Sanktionen sollen beendet und wirtschaftliche Beziehungen wieder aufgenommen werden. Er betont Deutschlands historische Verantwortung gegenüber Russland und der ehemaligen Sowjetunion und plädiert für Versöhnung statt Konfrontation. Russland versteht er als Teil Europas, mit dem eine Partnerschaft angestrebt werden sollte. Außerdem kritisiert er die aktuelle Politik als schädlich für Wirtschaft und Industrie in Deutschland und warnt vor Deindustrialisierung und wachsender Verarmung. Im Abschluss seiner Rede spricht er sich für eine eigenständige europäische Sicherheitsordnung ohne militärische Einbindung in die NATO aus und ruft zu einem grundlegenden politischen Kurswechsel hin zu Diplomatie, wirtschaftlicher Kooperation und Friedenspolitik auf.
Dr. Rainer Rothfuß, AfD-Politiker, seit 2023 MdB, kritisiert internationale Organisationen wie NATO, UN, WHO und EU und wirft ihnen vor, nicht im Interesse der Bevölkerung zu handeln. Statt globaler Strukturen fordert er eine stärkere Orientierung an souveränen Nationalstaaten, die sich vorrangig an den Bedürfnissen ihrer Bürger ausrichten. Er lehnt die Aufrüstung sowie die Unterstützung des Krieges in der Ukraine ab und betont, dass militärische Mittel keinen dauerhaften Frieden schaffen. Diplomatie und Verständigung zwischen Staaten seien der einzig sinnvolle Weg. Zudem plädiert er für eine Rückbesinnung auf christlich geprägte Werte wie Nächstenliebe und gegenseitiges Verständnis. Insgesamt fordert er einen politischen Kurswechsel hin zu Multipolarität, weniger internationaler Kriegsbeteiligung und eine aktive Friedenspolitik. Abschließend fordert er ein klares Bekenntnis zu Frieden und Abrüstung und ruft dazu auf, Mittel statt ins Militär in soziale Bereiche wie Bildung, Pflege und soziale Sicherheit zu investieren.
Und nicht nur die großen Redner belebten die Bühne, sondern auch einige Vertreter der vielen deutschlandweiten Friedensinitiativen. Mit dabei waren das Netzwerk „Zusammen für Frieden – JETZT!“, die Video-Friedenskampagne „Krieg – Nicht in meinem Namen!“, „Mütter für Frieden“ von der Frauen-Schutzbewegung, Aktion Freiheitslauf 2026, Stopp AirBase Rammstein sowie 1.000.000 Stimmen für den Frieden. An ihren Infoständen weckten sie auch das Interesse vieler Passanten und kamen mit ihnen ins Gespräch und hatten damit einen großen Anteil am Gelingen der Veranstaltung bezüglich der Außenwirkung.
Was verbindet die Demonstranten und die Redner auf der Bühne?
Es ist das klare Menschenbild: Der Mensch ist nicht ein „zu führendes Material“, sondern hat Rechte und Würde.
Zusammengefasst zeigen die Redner gleichzeitig ein verletztes Menschenbild in der Gesellschaft: Bürger als potenziell einzuschüchternde Masse, als Ziel von Exempel-Politik, als Publikum, das man mit Angst regiert. Dagegen setzen die Redner auf ruhige Entschlossenheit, Friedlichkeit, Selbstbehauptung und Selbstbestimmung.
Lagerübergreifend und Brückenbauen
Die Motivation der Demonstranten ist „Frieden“ als Auftrag staatlichen Handelns. Immer wieder wird betont, das Denken in Lagerkategorien („links/rechts“) sollte der Vergangenheit angehören – willkommen ist, wer Friedensgebot ohne Waffen und Grundrechte bejaht. Das klingt integrativ, ist aber auch eine klare Ansage an die Disziplinierungsmaschine der Gegenwart, die ruft: „Spalte! Etikettiere! Isoliere! Delegitimiere! Diffamiere! Diskriminiere!“
Doch lagerübergreifend ist hier nicht nur das nette „Brückenbauen“, sondern auch ein Konfliktfeld innerhalb der Friedensbewegung. Es gab Aufregungen um Personen und Aussagen; es gab die Notwendigkeit, sich öffentlich zu rechtfertigen, warum man wen nicht ausgrenzt. Auch im 4. Jahr, seit das Bündnis „Macht Frieden“ die Demo gegen die Siko veranstaltet, war es trotz intensiven Bemühens – auch von Seiten des Netzwerks „Zusammen für Frieden! JETZT!“ (federführend war hierbei Michaele Kundermann von der dieBasis) – in diesem Jahr nicht möglich, eine vereinte Friedensdemonstration mit dem 2002 gegründeten Aktionsbündnis „Anti-Siko“ auf die Münchner Straßen zu bringen. Das Bündnis „Macht Frieden“ hat in diesem Jahr bewiesen, dass der ehrliche Wunsch nach Frieden über Parteigrenzen hinweggeht – und damit gezeigt: Eine Friedensbewegung, die sich selbst durch Kompromisse klein macht, um im Feuilleton nicht anzuecken, wird nicht ernst genommen, womöglich gar belächelt, da die Spaltung auch da wieder „wunderbar“ funktioniert.
Welche Horizonte öffnet der Tag
Hoffnung entsteht hier nicht aus einem ausgefeilten Friedensplan, sondern trotz des kalten, nassen Wetters, trotz polizeilicher Auflagen, trotz medialer Schubladen zeigen die Demonstranten, wie sehr sich Hoffnung an Präsenz bindet: „Wir sind hier!“, „Wir stehen zusammen!“, „Wir gehen gemeinsam auf die Straße“. Diese Hoffnung ist nicht utopisch, sondern wohlüberlegt: Sichtbarkeit herstellen, mit klaren Forderungen, sich untereinander vernetzen, die Kraft und Energie zu tanken, die in der Menge entsteht.
Wichtig ist, wie stark Frieden als Rückkehr zur Normalform des Politischen erscheint: Diplomatie, Gespräch, Deeskalation – nicht als romantische Träumerei, sondern als das, was Erwachsene tun sollten, anstatt Waffen zu schicken oder als Eltern ihre Kinder in den Krieg zu entsenden. Die Hoffnung zielt also weniger auf ein perfektes Morgen, sondern auf die Wiederherstellung von Grenzen: die Grenzen staatlicher Macht über die Meinungsfreiheit, die Grenzen militärischer Logik über die Außenpolitik und die Grenzen medialer Erzählungen über das Sagbare.
Weitreichende Folgen der Münchner Siko 2026
Im etablierten Feld rund um die Münchner Sicherheitskonferenz dominieren Sicherheits- und Verteidigungslogiken: europäische Aufrüstung, transatlantische Kooperation, strategische Autonomie, Abschreckung, neue Ordnungskonflikte. Das zeigt schon der offizielle Themenrahmen der MSC 2026. Kernthema der diesjährigen Konferenz sind die „weitreichenden Folgen des Einflussgewinns politischer Kräfte, die eine Politik der Zerstörung der Reformpolitik vorziehen“. Dazu passen prominente Aussagen aus dem „Expertenbetrieb“, etwa Prof. Dr. Carlo Masalas Szenario-Denken („Was, wenn Russland gewinnt?“). Dieses passt zur politischen Großwetterlage, wie sie in den Berichten zur MSC 2026 erscheint: mehr Verteidigungskooperation, mehr europäische Eigenständigkeit, mehr Dringlichkeit für weitere Aufrüstung.
Genau hier setzt das Bündnis „Macht Frieden“ den Gegenakzent: Nicht „Sicherheit“ (durch Waffen) allein als Leitbegriff, sondern nur im Zusammenspiel mit „Frieden“ als Verfassungssatz und als zivile Praxis, muss das große Ziel sein. Die größte Gefahr für Frieden und Sicherheit kann nicht nur von außen entstehen, sondern auch innen: wenn Grundrechte zur Verhandlungsmasse und Diplomatie zur Schande erklärt werden.
Fazit
Das Bündnis „Macht Frieden“ will keine neuen Feindbilder. Es will alte Pflichten wie „gute Nachbarn sein“ zurückholen. Es sagt: Frieden ist kein Luxus. Frieden ist Auftrag. Es sagt auch: Grundrechte sind keine Verhandlungsware. Die Veranstaltung zeigt Mut, auch lagerübergreifend für Frieden einzustehen. Am Ende bleibt eine einfache Probe: Wer Frieden ohne Waffen ruft, muss Streit und Kritik auch aus den eigenen Reihen aushalten und sollte trotzdem für den größten gemeinsamen Nenner – den Frieden – zusammenstehen. Denn hier sind Menschen unterwegs, die die Verbindung von Friedensfragen und Grundrechtsfragen verstehen, Menschen, die zeigen, wie Gegenöffentlichkeit jenseits von Parteisprache heute klingt. Und Menschen, die sich lieber für Frieden engagieren, als diesen moralisch abzuurteilen.
An diesem Wochenende fanden in München 21 Demonstrationen mit insgesamt 120 000 Teilnehmern statt. Die Proteste richteten sich hauptsächlich gegen die Münchner Sicherheitskonferenz 2026. Weitere Aktionen thematisierten die NATO, Menschenrechtsverletzungen im Iran, Unterdrückung im Südjemen und den verpflichtenden Einsatz der deutschen Politik für den Frieden. Der Wunsch nach Frieden bewegt die Menschen. Gegen Aufrüstung. Gegen die Sicherheitskonferenz. Für Diplomatie. Für Rechte. Und für Verantwortung.
Der Ruf ist klar: Frieden ist kein Randthema. Denn wie sagte einst Willy Brandt: „Der Frieden ist nicht alles, aber alles ist ohne den Frieden nichts.“
Anm. der Red.: Dieser Artikel ist zuerst bei Freie Akademie für Medien & Journalismus erschienen: Freie Akademie

