Gastbeitrag von Bastian Alexander Werner
Man sagt mit anderen Worten, das erste Opfer des Krieges sei die Wahrheit. Das ist, mit Verlaub, eine romantische Verklärung. Die Wahrheit stirbt nicht durch Zufall im Gefechtslärm. Sie wird hingerichtet. Kaltblütig, geplant und lange bevor der erste Schuss fällt. Wer die Geschichte der letzten 150 Jahre nicht als Abfolge von Schlachten, sondern als Abfolge von Medienkampagnen liest, starrt in den Abgrund einer monströsen Realität. Was wir in den Geschichtsbüchern „Kriegsgrund“ nennen, ist in der Realität oft nichts anderes als ein PR-Produkt und nichts anderes als eine Anklageschrift gegen die Definitionsmacht der Wenigen über das Schicksal der vielen.
„Wir verteidigen uns nur“
Das offizielle Narrativ ist seit Jahrhunderten identisch: Der Staat ist friedliebend, die Führung besonnen. Doch dann geschieht das Unfassbare. Ein Telegramm beleidigt den König. Ein Schiff wird torpediert. Ein Sender wird überfallen. Babys werden aus Brutkästen gerissen. Massenvernichtungswaffen bedrohen die Welt. Der Krieg erscheint dann nicht als Wahl, sondern als unausweichliche moralische Pflicht. Der Bürger nickt, die Presse salutiert, die Söhne ziehen an die Front. Und mittlerweile auch die Töchter, Gleichberechtigung muss sein.
Doch kratzt man am Lack dieser Erzählungen, kommt darunter keine moralische Substanz zum Vorschein, sondern die kalte Mechanik der Macht. Und es zeigt sich: Der „Casus Belli“ – der Kriegsgrund – ist ein Artefakt, ein von den Kriegstreibern selbst erzeugtes Ergebnis. Und er wird hergestellt wie ein Auto oder ein Smartphone.
Schauen wir uns die „Produktionskette“ der Kriegslügen an. Sie hat sich technisch verfeinert, aber das Prinzip der Täuschung bleibt. Man erkennt: Vor allem die Mächtigen haben Schritt für Schritt aus der Geschichte gelernt.

Die redaktionelle Waffe (1870)
Es begann noch handwerklich. Als Otto von Bismarck 1870 den Deutsch-Französischen Krieg wollte, musste er keine Fakten erfinden, er musste sie nur redigieren. Die Analyse der „Emser Depesche“ zeigt den Mechanismus: Aus einem höflichen, diplomatischen Austausch zwischen König Wilhelm I. und dem französischen Botschafter Benedetti machte Bismarck durch gezielte Streichungen eine Demütigung. Er veränderte nicht das Ereignis, er veränderte den Kontext. Das Resultat war kalkuliert: In Frankreich kochte die Volksseele, der Krieg war da. Ein Krieg, ausgelöst durch das Weglassen von Wörtern.
Die Lüge durch Schweigen (1915)
Im Ersten Weltkrieg wurde die Methode zynischer. Der Untergang der „RMS Lusitania“ diente als emotionaler Hebel, um die USA gegen Deutschland zu mobilisieren. Das Narrativ: Ein barbarischer Angriff auf ein unschuldiges Passagierschiff. Die bittere Realität heute: Die Ladelisten beweisen 4200 Kisten Gewehrmunition und Schrapnellgeschosse an Bord.
Noch erschütternder ist der dokumentierte Zynismus der Macht. Ein Brief von Winston Churchill an Walter Runciman enthüllt die Strategie: Es sei wichtig, neutrale Schifffahrt anzuziehen, um die USA in den Krieg zu verwickeln. „Wenn einige davon in Schwierigkeiten geraten, umso besser“, so die Logik. Die Passagiere waren keine Schutzbefohlenen, sie waren Köder.
Die totale Inszenierung (1939)
Mit dem Überfall auf den Sender Gleiwitz erreichte die Skrupellosigkeit ihren historischen Tiefpunkt. Hier wurde nicht mehr nur gelogen, hier wurde Theater gespielt – mit echten Leichen. Die SS-Operation unter dem Codenamen „Großmutter gestorben“ nutzte KZ-Häftlinge als Requisiten. Der ermordete Franciszek Honiok, ein katholischer Oberschlesier, diente als Beweisstück für einen polnischen Angriff, der nie stattfand. Hitler brauchte vor dem Reichstag einen propagandistischen Anlass, und die SS lieferte ihm eine blutige Bühnenshow.
Das technische Phantom (1964)
Im Kalten Krieg wurde die Lüge elektronisch. Der Tonkin-Zwischenfall, der den Vietnamkrieg eskalierte, basierte auf Geister-Echos. Während am 2. August noch ein echtes Gefecht stattfand, belegen die NSA-internen Analysen (u.a. von Historiker Hanyok), dass der entscheidende Angriff am 4. August reine Fiktion war. Nervöse Sonar-Operateure und wetterbedingte Radarfehler wurden in Washington gezielt in „unprovozierte Aggression“ übersetzt. Präsident Johnson nutzte eine Resolution, die er intern als „Grandma’s nightshirt“ verspottete – sie deckte alles ab. Die Lüge war hier eine administrative Notwendigkeit, um geplante geopolitische Schritte (OPLAN 34A) zu legitimieren.
Die Mechanik der Täuschung: Methode Reagan (1981-1982)
Aber man lernte weiter hinzu und wurde subtiler: die „Methode Reagan“ – benannt nach dem US-Präsidenten Ronald Reagan. Hier diente die Lüge nicht immer dem heißen Krieg, sondern der psychologischen Zermürbung. Das „Committee on Deception“ führte Operationen durch, um den Gegner in den Ruin zu treiben. Besonders perfide: Die U-Boot-Jagden in Schweden in den 80er Jahren. Westliche U-Boote drangen in schwedische Gewässer ein, um als sowjetische Boote wahrgenommen zu werden. Ziel war es, Olof Palmes Entspannungspolitik zu sabotieren und Schweden an die NATO zu binden. Dies ist „Perception Management“ in Reinform: Man erzeugt eine Bedrohung, um die politische Ausrichtung eines neutralen Staates zu korrigieren. De facto wurde ein Wahrnehmungsmanagement etabliert, das in der Lage ist, die strategische Beeinflussung ganzer Länder zu verändern, um deren Meinungen, Einstellungen und letztlich ihr Verhalten in eine gewünschte Richtung zu bewegen.
Die privatisierte Gräuelpropaganda (1990)
Im Golfkrieg 1991 sehen wir den Einzug der PR-Branche. Die „Brutkasten-Lüge“ war keine staatliche Erfindung im klassischen Sinne, sondern eine Dienstleistung. Die Firma „Hill & Knowlton“ trainierte die 15-jährige „Nayirah“ für ihren Auftritt vor dem US-Kongress. Ihre Tränen über angeblich getötete Babys waren echt, ihre Geschichte war frei erfunden. Dass sie die Tochter des kuwaitischen Botschafters war, wurde der Weltöffentlichkeit verschwiegen. Der Kriegsgrund wurde hier als emotionales Produkt designt, finanziert von der Organisation „Citizens for a Free Kuwait“.
Die politische Geheimdienst-Allchemie (2003)
Der Irakkrieg schließlich zeigt das völlige Versagen der Kontrollinstanzen. Die Quelle „Curveball“ (Rafid Ahmed Alwan al-Janabi) war dem BND als unzuverlässig bekannt. Es gab sogar eine „Burn Notice“. Dennoch präsentierte Colin Powell vor der UN Grafiken von mobilen Biolaboren, die nur in der Fantasie eines Asylbewerbers existierten, der auf einen deutschen Pass hoffte. Die Neokonservativen des „Project for the New American Century“ (PNAC) hatten den Kriegswillen lange vor 9/11 formuliert; die „Beweise“ wurden passend dazu bestellt und geliefert („Cherry-Picking“).
Fazit: Gegen den Konsens der Mächtigen
Was lehrt uns dieser Blick in die Abgründe der Vergangenheit?
Zum einen: Es gibt keinen „Nebel des Krieges“ vor dem Krieg. Es gibt nur Nebelkerzen. Die Entscheidung zur Gewalt fällt fast immer aus geostrategischen oder ökonomischen Interessen. Ressourcen und Hegemonie sind von entscheidendem Gewicht, das hat z.B. Daniele Ganser in seinen Analysen zu „illegalen Kriegen“ herausgearbeitet. Der öffentliche Anlass ist lediglich das Ticket, das gelöst werden muss, um die Bevölkerung mitzunehmen.
Und zum anderen: Die Institutionen schützen uns nicht. Weder die Medien (die Bismarcks Depesche druckten) noch die UN (die Powells Phiole sahen) noch die Parlamente (die der Brutkasten-Story glaubten) haben als Filter funktioniert. Sie waren Teil der Echokammer.
Als aufgeklärte Bürger müssen wir uns von der naiven Vorstellung verabschieden, dass Regierungen die Wahrheit sagen, wenn es um Krieg und Frieden geht. Die forensische Evidenz ist erdrückend: Von den 4200 Kisten Munition auf der Lusitania bis zu den nicht existenten Massenvernichtungswaffen im Irak zieht sich eine blutrote Spur der Täuschung.
Skepsis ist keine Verschwörungstheorie. Skepsis ist, angesichts dieser Datenlage, die einzige rationale Haltung und der erste Schritt zur geistigen Selbstverteidigung. Sie fängt exakt damit an, zu hinterfragen, ob genau jetzt die „absolut richtigen Gründe“ vorliegen, kriegstüchtig sein zu müssen.
Denn das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit!
Anm. der Redaktion: Dieser Artikel ist zuerst bei der Bürgerzeitung Klartext Rheinmain erschienen.
Quellen
