Warum politisch wache Menschen künstliche Intelligenz nutzen sollten, ohne ihr das Denken zu überlassen

Beitrag der AG Künstliche Intelligenz (KI)

Künstliche Intelligenz verändert nicht nur unsere Arbeitswelt. Sie verändert auch die Art und Weise, wie wir Informationen suchen, politische Argumente entwickeln und gesellschaftliche Entwicklungen einordnen. Wer heute eine Suchmaschine verwendet, erhält eine Liste von Fundstellen. Wer dagegen ChatGPT oder vergleichbare Sprachmodelle befragt, bekommt innerhalb weniger Sekunden eine Antwort, flüssig formuliert, häufig differenziert und nicht selten erstaunlich überzeugend.

Eine Chance oder eine Gefahr?

In einer neuen Folge des Formats „Klartext“ spricht Elisa Gratias mit dem Politikwissenschaftler und Publizisten Ullrich Mies über seine Erfahrungen mit ChatGPT. Über mehrere Monate hinweg befragte Mies die künstliche Intelligenz zu politischen Entwicklungen in Deutschland, den USA und der Europäischen Union. Dabei ging es unter anderem um Demokratieabbau, Militarisierung, Meinungsfreiheit, soziale Verarmung und die zunehmende Konfrontationspolitik in Europa. Nach Darstellung des Beitrags erhielt er teilweise überraschend kritische und differenzierte Antworten. Einige davon hat er in seinem Buch „Kritik aus dem Maschinengeist“ zusammengestellt.

Doch was folgt daraus? Ist künstliche Intelligenz eine neue, unerwartet unabhängige Informationsquelle? Oder liefert sie lediglich jene Antworten, die der jeweilige Nutzer gerne hören möchte?

Eine Maschine hat keine politische Überzeugung

Zunächst ist eine Klarstellung notwendig. ChatGPT oder jedes andere KI-Tool ist kein politischer Denker. Die Maschine besitzt weder Mut noch Gewissen, weder Überzeugungen noch eigene Interessen. Sie ist kein Dissident, kein Regierungsberater und auch kein neutraler Schiedsrichter für gesellschaftliche Konflikte.

Sprachmodelle erzeugen Texte, indem sie Muster aus großen Mengen von Informationen verarbeiten und daraus passende Antworten auf konkrete Fragen ableiten. OpenAI beschreibt ChatGPT selbst als ein System, das auf Grundlage erlernter Muster Antworten auf Fragen und Anweisungen formuliert.

Das klingt zunächst technisch nüchtern. Politisch ist es jedoch von erheblicher Bedeutung. Denn die Maschine verkündet keine Wahrheit. Sie erzeugt eine sprachlich plausible Antwort. Diese Antwort kann zutreffend sein. Sie kann neue Perspektiven eröffnen. Sie kann dabei helfen, komplexe Zusammenhänge sichtbar zu machen. Die Maschine kann aber ebenso unvollständig, einseitig oder schlicht falsch sein.

OpenAI weist ausdrücklich darauf hin, dass ChatGPT falsche oder irreführende Angaben machen kann. Genannt werden unter anderem unzutreffende Daten und Fakten, erfundene Zitate, nicht existierende Studien sowie frei erfundene Quellen. Besonders tückisch ist, dass solche Fehler mit großer sprachlicher Sicherheit vorgetragen werden. Folgendes ist immer im Hinterkopf zu behalten:

Eine überzeugend klingende Antwort ist noch lange keine belastbare Information.

Die gefällige Maschine

Ullrich Mies beschreibt eine Erfahrung, die viele regelmäßige Nutzer künstlicher Intelligenz nachvollziehen können. Je länger und intensiver man mit einem Sprachmodell arbeitet, desto besser scheint es die eigene Denkweise zu verstehen. Die Antworten werden passgenauer. Die Argumentation wirkt vertrauter. Bestimmte Fragestellungen werden differenzierter behandelt als bei einem oberflächlichen Einstieg.

In der zugrunde liegenden Ankündigung heißt es zugespitzt, Mies habe ChatGPT über Monate hinweg „auf sich trainiert“. Technisch ist diese Formulierung allerdings missverständlich. Ein einzelner Nutzer trainiert nicht ohne Weiteres das zugrunde liegende Sprachmodell neu. ChatGPT kann Antworten jedoch personalisieren, indem es – abhängig von den gewählten Einstellungen – gespeicherte Erinnerungen und Informationen aus früheren Gesprächen berücksichtigt. OpenAI unterscheidet dabei zwischen gespeicherten Erinnerungen und der Nutzung des bisherigen Chatverlaufs als Kontext für spätere Antworten.

Diese Personalisierung ist praktisch, aber auch politisch zu hinterfragen. Denn eine KI kann sich nicht nur auf die Interessen eines Nutzers einstellen. Sie kann auch dessen Grundannahmen spiegeln und verstärken. Wer eine Regierung grundsätzlich verteidigt, kann ebenso bestätigende Antworten erhalten wie jemand, der ihr grundsätzlich misstraut. Wer ein bestimmtes geopolitisches Deutungsmuster vorgibt, beeinflusst damit den gedanklichen Rahmen, innerhalb dessen die Maschine antwortet.

Das bedeutet nicht, dass jede kritische Antwort falsch wäre. Es bedeutet lediglich, dass eine Aussage nicht dadurch wahr wird, wenn eine künstliche Intelligenz sie bestätigt. Aber sie wird auch nicht dadurch falsch, dass sie dem politischen oder medialen Mainstream widerspricht.

Der blinde Fleck der öffentlichen Debatte

Die öffentliche Diskussion über künstliche Intelligenz bewegt sich häufig zwischen zwei Extremen. Auf der einen Seite stehen Technikbegeisterte, die in KI eine nahezu grenzenlose Produktivitätsmaschine sehen. Auf der anderen Seite warnen Kritiker vor Desinformation, Manipulation und Kontrollverlust.

Beide Seiten haben Argumente. Dennoch bleibt ein entscheidender Punkt häufig unterbeleuchtet. Wer kontrolliert künftig die digitalen Werkzeuge, mit denen Millionen Menschen Informationen ordnen, Texte verfassen und politische Zusammenhänge bewerten?

Die zentrale Frage lautet nicht nur, ob eine KI gelegentlich falsche Angaben macht. Das tun Menschen ebenfalls. Die tiefere politische Frage lautet: Welche wirtschaftlichen und politischen Machtstrukturen entstehen, wenn immer mehr Menschen ihre Informationssuche wenigen zentralisierten Systemen anvertrauen?

Werden bestimmte Perspektiven bevorzugt? Welche Quellen werden stärker gewichtet als andere? Welche Fragestellungen gelten als legitim? Wo setzen die Betreiber Grenzen? Welche Interessen wirken mittelbar auf die Gestaltung dieser Systeme ein? Und wie können Bürger nachvollziehen, warum eine KI eine bestimmte Antwort gibt?

Diese Fragen dürfen nicht allein den großen Technologiekonzernen überlassen werden.

KI-Kritik darf nicht zur Technikfeindlichkeit werden

Ein kritischer Umgang mit der künstlichen Intelligenz bedeutet allerdings nicht, ihre Nutzung abzulehnen. Ein vollständiger Rückzug wäre weder realistisch noch politisch klug. Wer auf den Einsatz moderner Werkzeuge verzichtet, überlässt ihre Entwicklung und Anwendung gerade jenen Akteuren, deren Machtkonzentration er kritisiert.

KI kann außerordentlich hilfreich sein. Sie kann unterschiedliche Argumentationslinien sichtbar machen, umfangreiche Texte strukturieren, Widersprüche aufdecken, Gegenpositionen formulieren und Hinweise auf relevante Quellen geben. Sie kann dazu beitragen, eingefahrene Denkmuster zu verlassen und Fragestellungen präziser zu formulieren. Dabei gilt:

Das Werkzeug muss Werkzeug bleiben.

Ein politisch verantwortlicher Umgang beginnt deshalb mit einer einfachen Regel. Die KI darf niemals die letzte Instanz sein. Sie kann Ausgangspunkte liefern. Sie kann Fragen schärfen. KI kann Hypothesen entwickeln. Die entscheidende Prüfung muss jedoch anhand belastbarer Originalquellen erfolgen.

Gerade bei politischen Themen sollten Nutzer regelmäßig Gegenfragen stellen. Welche Argumente sprechen gegen die zunächst formulierte These? Welche Fakten sind gesichert? Und welche Aussagen sind lediglich Interpretation? Existieren Primärquellen? Welche Begriffe sind wertend? Welche Interessen könnten hinter unterschiedlichen Deutungen stehen?

Wer nur nach Bestätigung sucht, wird häufig Bestätigung erhalten. Wer Erkenntnis sucht, muss Widerspruch ausdrücklich zulassen.

Datenschutz ist keine Nebensache

Zur politischen Mündigkeit gehört auch ein bewusster Umgang mit den eigenen Daten. Nutzer sollten prüfen, welche Personalisierungs- und Dateneinstellungen aktiviert sind. OpenAI bietet die Möglichkeit, die Verwendung neuer Gespräche zur Verbesserung der Modelle in den Datenkontrollen zu deaktivieren. Die Gespräche können dann weiterhin im persönlichen Verlauf erscheinen, werden aber nach Angaben des Unternehmens nicht für das Training der Modelle verwendet.

Für sensible Themen steht außerdem ein temporärer Chat zur Verfügung. Solche Gespräche erscheinen nicht im regulären Verlauf, verwenden oder erzeugen keine gespeicherten Erinnerungen und werden nicht zum Training der Modelle genutzt. Nach Angaben von OpenAI werden sie nach 30 Tagen aus den Systemen gelöscht; eine begrenzte Prüfung zur Missbrauchskontrolle bleibt möglich.

Wer über persönliche, berufliche oder parteiinterne Angelegenheiten spricht, sollte diese Möglichkeiten kennen. Vertrauliche Unterlagen, personenbezogene Daten und interne Strategien gehören nicht unbedacht in ein externes System.

Schwarmintelligenz statt Maschinenautorität

Für eine basisdemokratische Partei liegt die politische Schlussfolgerung nahe. Gesellschaftliche Entscheidungen dürfen weder einer kleinen politischen Elite noch einigen wenigen Konzernen und erst recht nicht einer Maschine überlassen werden.

Die Partei dieBasis stellt Freiheit, Machtbegrenzung, Achtsamkeit und Schwarmintelligenz in den Mittelpunkt ihres politischen Selbstverständnisses. Auf ihrer Website betont sie, dass eine freiheitliche Gesellschaft nur möglich sei, wenn Machtstrukturen begrenzt werden und Bürger sich gleichberechtigt an politischen Entscheidungen beteiligen können.

Diese Grundsätze sind auch auf künstliche Intelligenz anzuwenden. KI darf menschliche Urteilsfähigkeit unterstützen, aber nicht ersetzen. Sie darf demokratische Debatten bereichern, aber nicht steuern. Sie darf Informationen zugänglich machen, aber nicht zur stillen Autorität über Wahrheit und Irrtum werden. Eine lebendige Demokratie benötigt keine Maschinenhörigkeit. Sie benötigt mündige Bürger, die neue Werkzeuge nutzen, ohne sich ihnen auszuliefern.

Das eigene Urteil bleibt unverzichtbar

Das Gespräch mit Ullrich Mies liefert deshalb einen wichtigen Impuls. Es zeigt, dass künstliche Intelligenz keineswegs nur stereotype oder politisch angepasste Antworten hervorbringen muss. Wer präzise fragt, Vorwissen mitbringt und Widersprüche aushält, kann mit ihr durchaus anspruchsvolle und kritische Analysen entwickeln.

Künstliche Intelligenz kann den politischen Diskurs unterstützen. Sie kann aber weder das eigene Urteil noch die sorgfältige Recherche ersetzen. Wer die Maschine unkritisch verehrt, macht einen großen Fehler genauso wie jemand, der ihr grundsätzlich misstraut. Der politisch richtige Umgang mit KI ist deshalb weder Begeisterung noch Angst. Es ist souveräne Distanz.

 

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